19. Mai 2017
So, allmählich habe ich es hinter mir. Heute Morgen habe ich einen Spaziergang durch die Anlagen gemacht. Das war wunderschön. Hier gibt es viel Grün, blühende Bäume und Eichhörnchen und Kaninchen, die ganz zahm an mir vorbei gelaufen sind. Die Patienten sitzen entspannt in der Sonne oder unterhalten sich angeregt. Alle wirken genesend. Ich genese auch, sehe aber besser aus, als ich mich fühle. Mein Rücken macht mir jetzt doch Probleme trotz E-Bett. Ich hatte gehofft, dass der Spaziergang hilft, war aber nicht so. Es fühlt sich die ganze Zeit über so an, als ob einer meiner Wirbel rausrutschen will. Ich muss mich immer wieder ganz gerade machen und tief einatmen.
Ach, was soll`s. Alle sind hier so tapfer und machen auf munter. Ich will auch keine Jammerliese sein. Nadine hat mich angerufen, um mir zu berichten, warum sie mir gestern kein Foto von Selina geschickt hat. Lienchen war nicht da, weder am Morgen noch am Abend. Es war klar, dass das passieren kann, so oft wie sie unterwegs ist, besonders bei diesem warmen Wetter. Nadine hat ihr dann Futter hingestellt und das alte Futter, das sie nicht angerührt hatte auch da gelassen. Heute war dann alles aufgefressen. Sie hat ihr dann auch gesagt, dass ich heute wieder zurück komme.
Ich habe hier einige Fotos gemacht, um zu zeigen, wie schön es ist und ich kaufe mir eine Merchandising Tasse, auf der Schön Klinik steht. Auch wenn das vielleicht etwas albern ist, aber ich stehe auf so was. Dies hier war ein guter Ort für mich und es gefällt mir, eine Erinnerung daran mit nach Haus zu nehmen.
Heute früh habe ich endlich richtig gegessen. Gestern konnte ich nicht viel runterkriegen. Es gab Brötchen. Jetzt sitze ich hier im Schatten auf der Terrasse und schreibe diesen Block. Meine Mitpatientinnen sind schon alle entlassen bis auf meine Zimmernachbarin. Ihr Mann kann erst am Nachmittag kommen. Ich warte hier auf Gitta. Als Nadine mich eben anrief, waren sie und Heinrich im Auto unterwegs zu einer Hochzeit. Sie haben gesehen, wie Gitta an ihnen vorbei fuhr. Witzig nicht wahr? Immerhin handelt es sich um unterschiedliche Städte, in denen wir leben und zu denen wir fahren. Sich da auf der Landstraße zu begegnen ist doch selten. Aber ich erinnere mich, dass uns das auch schon einmal bei Hamburg passiert ist, als wir alle zu Maike und Jana fuhren. Plötzlich war Manfred im Auto direkt hinter uns auf der Autobahn und der kam immerhin aus Bayern. Wer weiß? Vielleicht verbindet uns eine Kraft?
In einem der Schaukästen hier lag ein menschlicher Knochen. Ob der echt ist? Das Buch, das ich mir hier zum Lesen mitgebracht habe, ist echt witzig und gut. Es ist ein Schäferkrimi aus der Sicht der Schafe geschrieben. Die Schafe lösen so nach und nach den verworrenen Fall, wobei sie vieles missverstehen, auf schafhafte Weise. Willensstärke ist zum Beispiel Wollenstärke für sie und hat etwas mit viel Wolle zu tun. Wie niedlich ist das denn? Trotzdem kriegen sie es hin, den Fall zu lösen und ihre Schäferin zu beschützen, die natürlich meint, sie wäre es, die die Schafe beschützt.
Eben kam eine Frau hier an meinen Tisch, um mir noch einmal ganz explizit gute Besserung und eine gute Heimfahrt zu wünschen. Ich bin ganz gerührt davon. Ich denke nämlich ehrlich gesagt, dass ich es mit den nett Sein immer übertreibe. Es liegt mir so sehr im Blut und fällt mir daher so leicht. Aber vielleicht sollte ich statt so viel Rücksicht und Freundlichkeit lieber etwas mehr Würde zeigen. Etwas mehr Würde könnte ich schon gebrauchen. Ich sehe ja an den Reaktionen der anderen Menschen, dass sie meine Freundlichkeit übertrieben finden. Aber diese Frau eben fand das wohl nicht.
Inzwischen kann ich hoch gucken und meine Wunde tut dabei nicht mehr weh. Schon mal gut. Ich übe auf Würde. Mal sehen, wie weit ich da komme.




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