18. Mai 2017
Ich sitze auf einer Terrasse, die zur Kantine des Krankenhauses gehört. Das Wetter ist mild und angenehm und es geht mir gar nicht so übel. Hier ist ja wirklich alles anders als im Salzwedeler Krankenhaus. Ich erinnere mich, wie aus meiner Mitte gerissen, isoliert und einsam ich mich da gefühlt hatte. Dort schien es gar keine Menschen außerhalb der Zimmer zu geben. Der Aufenthaltsraum und die Kantine waren verwaist. Ich brauchte so dringend eine menschliche Seele, fand aber keine. Alle verbarrikadierten sich schlecht gelaunt hinter ihrer Krankheit in ihren Zimmern.
Hier reden alle und lachen miteinander. Alle haben gute Laune und verbrüdern bzw. verschwestern sich miteinander. Heute Vormittag hatten alle Schilddrüsen Patienten eine gemeinsame Physiotherapie Sitzung. Danach blieben wir alle noch ein Weilchen sitzen und tauschten uns aus. Später begleitete ich einige Frauen hier hinunter in das Schön Cafe. Ich saß ganz lange hier und las in meinem Buch, bis ich mich auf einmal ganz erschöpft fühlte und in mein Bett zurück kehrte. Inzwischen habe ich schon wieder zwei Stunden geschlafen. Eine freundliche Ärztin weckte mich auf, um mir die Befunde mitzuteilen.
Mit dem Schilddrüsenlappen sind sie noch nicht ganz fertig, aber die entnommenen Lymphdrüsen waren alle frei von Tumoren. Schon mal gut. Morgen komme ich schon wieder nach Haus. Gitta kann mich nicht um 10 Uhr abholen, weil ihr etwas sehr Wichtiges dazwischen gekommen ist. Es geht sozusagen um einen anderen Kranken, der nicht so viel Glück hatte wie ich. Bei ihm wurde Krebs entdeckt. Sie wird mich gegen Mittag hier abholen. Das ist völlig okay. Ihc kann ja wieder hier lesen oder weiter an diesem Block schreiben.
Zum Prozessieren bin ich noch nicht gekommen. Dazu war ich zunächst dann doch zu krank. Ich habe gedacht, die Schilddrüse wird auch in minimal invasiver Weise entnommen, aber das ist nicht der Fall. Wir haben hier alle riesige Narben. Ich habe aber meine Meinung zum Thema Narkose verändert. Bei allen früheren Narkosen hatte ich hinterher schwere depressive Zustände und weinte eine ganze Woche lang. Mir wurde gesagt, das läge an der Narkose. Ich bin jetzt überzeugt davon, dass es eher an der Weise liegt, wie man behandelt wird.
Wenn ich krank bin (und gesund geht man ja nicht ins Krankenhaus), dann bin ich nicht in meiner Mitte, ich bin dann wie herausgeschubbst aus meiner Kraft und inneren Stabilität. Dann reagiere ich übersensibel auf alles. Die rabiate, bevormundende Art der Krankenschwestern, die abweisende Art der Ärzte, die einem keine Fragen beantworten, überhaupt dass man die meiste Zeit nicht weiß, was gerade los ist, das alles löst diese Gefühle in mir aus. Und wenn ich mich dann nach der OP schlecht und schwach fühle und kein Trost weit und breit, dann überkommen mich solche Zustände.
Den Erfolg merkt man den Patienten an. In so einem Klima und so wohl informiert gedeihen keine Ängste, Überängste und Besorgnisse. Hier gedeihen Menschen. Es gibt auch ein Krankenhaus Radio. Die Damen sitzen hier am Nebentisch und haben mich gefragt, ob sie später ein Lied für mich spielen dürfen. Sie machen das ehrenamtlich, so sagten sie. Ich wünschte mir ein Lied der Gruppe Circle of friends, aber das können sie nicht finden. Dann wünschte ich mit das Lied „Life ist life“. Das ist schön für Genesende.
Meine Wunde am Hals tut ein wenig weh, aber nicht so sehr, wie man erwarten würde. Und ich hatte überhaupt keine Nackenverspannung. Oh vielen Dank, du liebe Karin F. Dass du mich davor gewarnt hast. Ich habe es meiner Ärztin erzählt und sie haben mein Genick nicht überdehnt und überdreht. So gesehen wäre es durchaus vernünftig gewesen, schon damals vor 30 Jahren den Rat meines Arztes anzunehmen und mir die Schilddrüse entfernen zu lassen. Als junger Mensch übersteht man solche Strapazen viel besser und schlechte Betten und Kopfkissen sind auch kein Problem. Eben geht hier der schwarze Verkäufer der Kantine vorbei. Offenbar ist seine Schicht zuende. Er sieht so gesund aus. Schade, dass ich früher noch nicht wusste, wie man sich mit 60 Jahren fühlt, sonst hätte ich meine unbändige Gesundheit und Power viel besser zu würdigen gewusst.
Andererseits war ich früher nicht annähernd so glücklich wie heute. Es war ein langer Weg, all die Schmerzen und Verletzungen meiner Kindheit abzuschütteln. Jetzt liegt das alles hinter mir und mit der Schilddrüse und den riesigen Kalkknoten wurde mir der letzte verhärtete Rest davon entfernt. Ich kann ihn zwar nicht beerdigen, wie ich es geplant hatte. Die Ärzte konnten den Knoten nicht hergeben, weil er noch untersucht und dabei zerschnitten wird, aber ich glaube, nun ist alles Fremde und Fremdbestimmte aus mir heraus.
Ich bin jetzt ganz mit mir allein und vollkommen selbst verantwortlich für alles, was ich sage, glaube und mache. Das gefällt mir sehr. So bin ich. Ich will lieber meine eigenen Fehler machen, als im Namen anderer etwas richtig.








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