nachdem ich mein Seminarhaus in Altensalzwedel verkauft hatte, war ich zunächst arbeitslos, denn ich hatte meinen Arbeitsplatz als Seminarorganisatorin und Leiterin ja sozusagen gleich mit verkauft. Aber das Schicksal meinte es außerordentlich gut mit mir und ließ mir gleich die nächste Aufgabe in den Schoß fallen. Das Haus verkaufte sich quasi mit Überschallgeschwindigkeit, womit niemand gerechnet hätte. Meine Nachbarn in dem kleinen Dorf Altensalzwedel in der Altmark suchten und suchen teilweise seit vielen Jahren nach Käufern für ihre Häuser. Ich wollte das Projekt: "Kim verkauft ihr Haus" und das Projekt "Kim zieht zurück nach Hamburg" parallel laufen lassen und hoffte insgeheim, beides würde sich mehr oder weniger gleichzeitig regeln lassen.
So kam es aber nicht, ganz und gar nicht.
Zuerst suchte ich mir ein paar kostenlose Foren aus dem Internet, um dort mein Haus einzustellen. Das dauerte so ziemlich ein ganzes Wochenende. So einfach ist das alles nicht. Um ein Haus einzustellen, muss man viele Fragen beantworten und so viele Fotos wie nur möglich haben. In jedem Forum wurden andere Fragen über die Immobilie gestellt und alle Fragen wiesen auf interessante Aspekte des Hauses hin. Schließlich schrieb ich erst einmal einen ausführlichen Text über das Haus, die Lage, die Verkehrsanbindung, die Barrierefreiheit und vieles mehr. Dann stellte ich den Text in die Foren.
Nur die Hälfte funktionierte. Mehrere der kostenlosen Foren sind technisch nicht so gut. Immer wieder passierte es mir, dass ich schon zwei Stunden damit beschäftigt war, alle Fragen zu beantworten und alles einzustellen und dann klemmte es bei einem der letzten Prozesse vor der Veröffentlichung. Da ging irgendetwas einfach nicht mehr weiter. Manchmal war dann plötzlich alles wieder gelöscht, was ich schon gearbeitet hatte. Aber immerhin bei drei Foren klappte es.
Noch während ich beim dritten Forum die Bilder einstellte, kamen die ersten Anrufe herein. Und noch am selben Abend war der erste Besichtigungstermin vereinbart. Ich bemühte mich, nicht zu euphorisch zu sein. Eine Nachbarin hatte mir berichtet, dass sich unzählige Interessenten ihr Haus angesehen hatten und verkauft wurde es dennoch nie. Also immer schön auf dem Teppich bleiben.
Ich hatte dann vier Besichtigungstermine, alle innerhalb der Woche, gleich nachdem ich die Anzeigen eingestellt hatte und am Freitag gab mir der neue Besitzer den Handschlag.
Ich baute für jedes dieser Treffen eine Kaffeetafel auf. Die ersten zwei im Garten, weil das Wetter noch schön war. Wir sprechen hier vom September 2016. Die anderen beiden im Aufenthaltsraum an der großen Tafel.
Drei der vier besichtigenden Parteien waren sehr nett. Der eine, nicht so freundliche Besichtiger schlug den Kaffee aus und machte lauter muffige Kommentare. Nun ja, soll sein. Die vierte Partei, eine Familie aus Halle, war vom ersten Augenblick an in das Haus verliebt und sie wollten es auf der Stelle kaufen, was sie dann auch wirklich taten. Es folgten noch ein paar Formalitäten, die ich zu erfüllen hatte, Gespräche mit der Bank und anderen Gläubigern, die in meinem Grundbuch standen, aber niemand legte mir Steine in den Weg.
Am 15. September war in Altensalzwedel Sperrmüll. Ich hatte immer noch keinerlei Wohnung in Hamburg gefunden und wusste daher nicht, was ich von meinen Möbeln würde mitnehmen können und was nicht. Daher musste ich einfach raten. Ich organisierte einen zehntägigen Hofflohmarkt und brachte alles Mögliche, was ich verkaufen wollte in den Seminarraum, der einen eigenen Ausgang besaß. Das Haus hatte 14 Zimmer und jedes einzelne war eingerichtet. Eines der Zimmer war der Fundus, in dem ich Kostüme, Kleidung, Requisiten und allerlei Gerätschaften für Rituale und Seminare aufbewahrt hatte. Unfassbar, was sich in 16 Jahren alles so ansammelt.
Der Seminarraum war restlos voll mit all dem Kram. Die Palette reichte von Kostümen und Requisiten über Dekorationsgegenstände und Bilder bis hin zu Werkzeug und Gartengeräten. Die Nachbarn ließen sich nicht lumpen und kauften mir reichlich ab. Das war sehr gut, denn mit dem Geld von diesen Hofflohmärkten, der anschließenden Haushaltsauflösung und auch dem Verkauf einiger größerer Gegenständen, die ich zusätzlich bei Ebay Kleinanzeigen einstellte, konnte ich meinen Umzug finanzieren.
Direkt im Anschluss an die Haushaltsauflösung kam der Sperrmüll. Es tat mir sehr leid, wie viele gute Sachen ich gezwungen war, auf den Müll zu werfen, aber niemand hatte diese Dinge haben wollen, nicht mal die Wohlfahrt. Ich musste mich davon trennen. Eine ganze Horde von Freunden half mir an dem Wochenende vor dem Sperrmüll alles hinaus zu transportieren. Es war unfassbar viel. Leider wusste ich überhaupt nichts von der fünf Kubik Regelung. Die fünf Kubik Regelung besagt, dass nur etwa fünf Kubikmeter Sperrmüll mitgenommen wird. Mich traf fast der Schlag, als am anderen Morgen das meiste noch immer die Auffahrt füllte und die war wirklich groß. Ich musste noch einen 10 Kubik Container auf eigene Kosten kommen lassen, um den Krempel nicht wieder ins Haus tragen zu müssen.
Und immer noch hatte ich keine neue Wohnung gefunden. Ich verbrachte täglich mindestens zwei Stunden am Computer mit Wohnungssuche, aber ohne jeden erkennbaren Erfolg. Die Hamburger Vermieter waren jedenfalls nicht so nett wie ich, von wegen Kaffeetafel! Die gaben mir nicht mal einen extra Termin, damit ich nach einer Besichtigung wieder mit dem Zug zurückfahren konnte. Es kam auch zu keinerlei Besichtigung.
Am 26. September erhielt ich eine Whatsapp von der Familie, die inzwischen bereits Besitzer meines Hauses waren, in der sie mir mitteilten, sie würden dann am 1. Oktober einziehen. Kreisch!!!!!
Ich glaube, die Familie stellte sich vor, dass ich mich mit meinen Sachen in eines der Zimmer zurückziehen würde, aber ich konnte mir das überhaupt nicht vorstellen. Die Whatsapp löste unglaublich schlechte Gefühle bei mir aus. Sofort ersuchte ich meine langjährige Freundin, Gitta, die mir immer in seelischen Belangen behilflich ist, um eine Telefonsitzung. Sie konnte aber an dem Tag nicht, dafür aber am anderen Morgen. Bis dahin würde ich warten müssen.
Du kannst dir nicht vorstellen, wie übel sich das für mich anfühlte. Alles in mir schien zu rebellieren. Ich wusste gar nicht, was mit mir los war. Natürlich versuchte ich auch allein, diese Gefühle zu prozessieren, aber ich war regelrecht in Panik und konnte mich überhaupt nicht konzentrieren. Schließlich beschloss ich, mit dem Elektrodreirad nach Salzwedel zu fahren (ca. 10 Kilometer), um mich unter Menschen zu begeben. In Altensalzwedel gibt es da nämlich nichts, absolut gar nichts, keinen Laden, kein Café, keine Poststelle, nicht einmal mehr die Dorfkneipe.
Dahin begab ich mich. Ich wollte unter Leute und der Bahnhof fühlte sich von Anfang an irgendwie total gut für mich an. Im Bahnhof war einiges Los, die Künstler waren fleißig am Packen, Räumen, Organisieren und Putzen.
Ich reihte mich ein, machte mich nützlich, putzte, fegte und wischte ein wenig, packte ein paar Dinge ein und kümmerte mich um den Kaffee Verkauf, denn die Theke stand immer noch da und es wurden die Reste vom Kaffee und Wein an die Künstler verkauft, die zum Aufräumen gekommen waren. Der Erlös würde an den Wagen und Winnen Förderverein gehen, der das Festival auch im Jahr 2017 wieder organisieren würde. Die Getränke waren von den umliegenden Händlern gesponsert worden. Einige lassen sich da nicht lumpen und spenden gleich mehrere Kisten Wein oder Saft. Das kann dann auf der Veranstaltung und auch im Nachhinein beim Aufräumen und an versprengte späte Besucher der Veranstaltung verkauft werden.
So etwas liegt mir. Ich koche immer gleich Kaffee, wenn ich irgendwo hinkomme. Hier machte ich das auch, kochte zwei große Kannen voll und gab sie an die Künstler aus. Die Beschäftigung konnte mich allerdings kaum von dem elenden Gefühl in meinem Magen und meiner Seele ablenken. In vier Tagen wollten die neuen Besitzer einziehen und ich wusste nicht, wohin ich sollte. Aus Gründen, die ich mir nicht erklären konnte, war die Idee, erst einmal eine kurze Weile mit ihnen zusammen in dem Haus zu wohnen, irgendwie unerträglich für mich.
Eigentlich war das eher untypisch für mich. Ich lasse mich gern mal auf Experimente ein und die neuen Besitzer des Hauses sind sehr nette Leute. Trotzdem, es ging nicht. Etwas in mir schrie gequält auf bei dem Gedanken an so eine vorübergehende Wohngemeinschaft. Ich kam mit einigen der Künstlerinnen ins Gespräch und erzählte ihnen von meiner Misere. Eine Frau schlug vor, ich könne doch den Bahnhof besetzen. Ich lehnte das mit der Begründung ab, es würde mir zu viel Stress bereiten. Daraufhin schlug sie vor, ich solle doch den neuen Besitzer, den Mann aus Tangermünde, der den Bahnhof gekauft und das Wagen und Winnen Kunstfestival dort erlaubt hatte, fragen, ob ich vorübergehend in die Wohnung im ersten Stock einziehen dürfe.
In der Tat gibt es im Bahnhof oben eine Wohnung, die wir alle erst durch das Festival kennen gelernt hatten. Kaum jemand hatte vorher von der Existenz dieser Wohnung gewusst, aber sie war ziemlich groß und sehr schön hell. In dieser Wohnung hatten etliche Künstler ihre Bilder und anderen Exponate ausgestellt. Als ich beim Betrachten dieser Kunstwerke durch die leer stehende Wohnung ging, hatte ich tatsächlich gedacht: "hier müsste man wohnen."
In diesem Moment allerdings war ich so verzagt, dass ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, diese Wohnung zu bekommen.
Ich bin sonst nicht so ein Weichei. Es überraschte mich selbst, was für eine innere Reaktion die Whatsapp der neuen Besitzer meines Hauses in mir ausgelöst hatte. Ich fühlte mich elend, schwach und unfähig. Meine Freundin, Nadine, vom Wagen und Winnen Verein hatte die Telefonnummer des Vermieters in der Handtasche und begann gleich, sie heraus zu kramen.
"Ich kann da jetzt nicht anrufen", jammerte ich", ich habe keine Strategie für das Gespräch und werde alles falsch machen" Das war mein voller Ernst. In dem Augenblick hatte ich das Gefühl, wenn ich den Vermieter jetzt anrufen würde, würde ich mich so verwirrt und verkehrt ausdrücken, dass er auf keinen Fall zustimmen würde.
"Ich habe zehn Jahre im Call Center gearbeitet", beharrte die Künstlerin mit den guten Ideen, "ich mache dir eine Strategie." Und das tat sie auch. Sie erklärte mir genau, wie ich mich ausdrücken sollte, was ich sagen musste und was lieber nicht. Ich hörte sehr genau zu und steckte mir die Telefonnummer des Mannes aus Tangermünde in die Tasche. Später, wieder zu Hause angekommen, spielte ich mit dem Gedanken, ihn gleich mal anzurufen. Aber meine seelischer Zustand war immer noch so schlecht, dass ich fürchtete zu viele Fehler zu machen. Es sollte ja schließlich funktionieren.
Am anderen Morgen hatte ich ja noch die vereinbarte Telefonsitzung mit Gitta. Wir arbeiteten an jenen merkwürdigen Gefühlen in mir, die sich so gegen die Vorstellung aufbäumten, mit der Familie zusammen eine Zeit im Haus zu verbringen. Es kamen dabei einige überaus spannende Dinge ans Licht. Offenbar hatte es tief in mir einen Seelenaspekt gegeben, der sich schon seit meiner Kindheit innerlich quasi im "Kinderzimmer" verbarrikadiert hatte, eine kleine Kim in mir, die sich gegen die Welt abschottete und sich in ihr eigenes Reich zurückzog. Die Vorstellung ein eigenes Reich gegen ein anderes einzutauschen, erschien ihr nicht so schlimm. Das geht schon klar. Aber die Idee, jenen "geheimen Garten" mit jemandem zu teilen, die war für dieses innere Kind völlig inakzeptabel.
Was tun? Wir stellten uns auch die neue Besitzerin als Kind vor, als ein Kind, das mit in diesem Kinderzimmer spielen wollte. Die kleine Kim in mir mochte jenes andere Kind, wollte aber dennoch nicht mit ihr teilen. Der Rückzugsraum stand für so viele wichtige Dinge, für Sicherheit, Unversehrtheit, innere Freiheit, für das Auftanken mit Kraft, für Erholung von den Herausforderungen des Lebens. Das war dem Kind zu wichtig, um es teilen zu können. Einen Moment lang waren wir einigermaßen ratlos.
Dann hatten wir die Idee, eine Visionsreise zur Großen Mutter zu machen (die Große Mutter ist die Ehefrau Gottes). Die Große Mutter nahm das Kind Kim liebevoll auf den Schoß und sagte ihr in etwas das folgende:
"Diese Welt ist sehr groß und wunderschön. Es gibt auf der Welt sehr viele Orte, die ich dir gern zeigen möchte." Dabei zeigte sie mir Bilder von Südseeinseln, türkisfarbenen Lagunen, schneebedeckten Bergen, von faszinierenden Städten und vielen anderen aufregenden Orten dieser Welt.
"Aber ich kann dir diese Orte nicht zeigen, weil du in deinem Kinderzimmer eingesperrt bist. Du hast dich darin verbarrikadiert, um nicht verletzt zu werden, aber es ist auch ein Gefängnis für dich. Du bist darin geschützt, aber auch eingesperrt. Ich möchte dir so viele schöne Plätze schenken, dafür aber musst du aus deinem Gefängnis herauskommen".
In meiner Vision hatte ich mein Haus in der Hand wie ein Spielzeug. Die Käuferin meines Hauses, ebenfalls ein kleines Kind, saß auf dem anderen Knie der Großen Mutter. Als die Mutter mir so erklärte, dass ich meinen geschützten Ort verlassen müsste, um die Welt erleben zu können, war das auf einmal total plausibel für das Kind in mir. Ohne weitere Umschweife sprang das Kind auf, ging zu dem anderen Kind hin und drückte ihr das Haus in die Hand.
Ich konnte fühlen, wie sich etwas in mir löste, das schon fast mein ganzes Leben lang in mir gefangen gewesen war. Das löste eine unbändige Freude in mir aus. Ich war völlig begeistert. Gitta hatte nun auch wirklich keine Zeit mehr. Sie musste dringend zu ihrer Arbeit. Daher legten wir auf und ich rief sofort den Vermieter des Bahnhofes an. Jetzt, mit so viel Freude und Begeisterung in mir, traute ich mir wieder alles zu. Wie es sich herausstellte, ist der Vermieter ein sehr netter Mann für den es gar keiner Strategie gebraucht hätte. "Dem steht nichts entgegen", sagte er zu mir und gestattete auch gleich, dass ich sofort mit dem Einräumen der Wohnung beginnen durfte.
Nur drei Tage Zeit.
Wir hatten nun den 27. September und am 1. Oktober wollten die neuen Besitzer einziehen. Keine Zeit mehr zu verlieren. Ich radelte sofort nach Salzwedel und kaufte von dem Flohmarktgeld billige Teppiche, PVC. und Tapetenkleister. Ich klebe Teppiche immer mit Tapetenkleister an. Das ist ein alter Trick. Der Kleister reicht völlig aus, um den Teppich festzuhalten, aber wenn man ihn später einmal austauschen will, lässt er sich ganz leicht vom Boden abziehen. Es bleiben dann Gummirückstände am Boden kleben, die sich aber mit klar Wasser sofort ablösen lassen. Einfach nur einmal sehr nass darüberwischen, etwas mit dem Schrubber nachrubbeln, aber wirklich nur ganz wenig und dann nach dem Trocknen, die Reste wegfegen.
Während die Künstler noch in der Wohnung herumliefen und so nach und nach ihre Kunstwerke abholten und deinstallierten, begann ich schon mit dem Verlegen des Teppichs. Ich verlegte im Schlafzimmer einen dunkelblauen Teppich und einen orangefarbenen im Wohnzimmer und ebenso im Flur. Im Bad und in der Küche, wo es nur einen maroden Fußboden gab, verlegte ich das PVC. Teppich kann wirklich ganz billig sein. Der Rips Teppich, den ich von Repo kaufte, kostete nur 1,90 pro Quadratmeter. Da kann man sich wirklich nicht beklagen.
Es erwies sich als extrem schwierig, das PVC zu verlegen. Das Zeug biegt sich ja nicht wie Teppich. Also das muss ich nicht unbedingt noch einmal machen. Zumindest muss man das nicht ankleben. Das bleibt einfach von alleine liegen. Ab und zu half mir einer der Künstler ein wenig und viele überschütteten mich mit Ratschlägen. Das machte mir aber gar nichts aus. Beim Teppich Verlegen braucht man immer Leute, die sich auf die bereits geklebten Stellen setzen, um Faltenbildung zu verhindern. Solange die Künstler und Künstlerinnen auf den zugewiesenen Plätzen sitzen blieben, während sie mir ihre Ratschläge verpassten, war ich zufrieden.
Ich organisierte, dass drei junge Männer aus den Künstlerreihen meine Küchenmöbel in den Bahnhof brachten, dass ein Klempner Waschmaschine, Spüle und Geschirrspüler anschloss und ein Elektriker den Herd. Ich habe nur lauter sehr schäbige alte Küchenmöbel aus zweiter, dritter und vierter Hand, aber im Bahnhof gab es überhaupt keine Küchenausstattung. Außerdem organisierte ich auch den Umzug für den 1. Oktober. Das war ein Samstag. Was für ein Glück, dass ich so viel Geld mit dem Hausflohmarkt eingenommen hatte, sonst hätte ich den großen Umzugswagen gar nicht bezahlen können.
Am Freitag traf Jana, die aus Hamburg angereist kam, um mir beim Umzug zu helfen auf dem Bahnhof Salzwedel ein, der ja nun meine neue Wohnstätte werden sollte. Draußen war es warm und ich hatte das Küchenfenster auf. Gerade hatte ich den aller letzten Handgriff am Flurteppich gemacht, als ich die Ansage hörte, die die Ankunft ihres Zuges verkündete. Ich lehnte mich aus dem Fenster, um herauszufinden, ob ich sie aussteigen sehen konnte. Das konnte ich, ich sah, wie sie auf die Treppe zustrebte. Hinter mir fiel die Küchentür zu, aber ich dachte mir nichts dabei. Erst als ich Jana auf der Treppe hörte und sie begrüßen wollte, erkannte ich, dass ich eingesperrt war. Die Küchentür hatte keine Klinke mehr. Es gelang mir aber, mich mithilfe einer Gabel wieder zu befreien.
Am 1. Oktober fand dann also der Umzug statt. Nadine war so tapfer, den riesigen Umzugswagen zu fahren. Das machte sie ganz toll. Sogar, wie sie den Wagen rückwärts auf dem Gehweg am Bahnhof einparkte, war Maßarbeit. Es war wieder eine ganze Gruppe Freude und Helfer gekommen, aber trotzdem wurde der Umzug zu einer traumatisierend anstrengenden Angelegenheit. Obwohl ich mich doch durch den Flohmarkt und den Sperrmüll von so unendlichen vielen Sachen getrennt hatte, war immer noch viel zu viel übrig geblieben. Leben heißt Besitz anhäufen. Das wurde mir bei dieser Gelegenheit sehr deutlich bewusst.
Ich erkannte sehr schnell, dass wir es nicht schaffen würden, meine Möbel in den ersten Stock hinauf zu tragen. Dafür würde die Zeit einfach nicht ausreichen. Deshalb organisierte ich, dass wir erst einmal alles im Erdgeschoss im alten Schankraum abstellten. Das sollte den Umzug entstressen, half jedoch nur wenig. Wir mussten ja auch noch so viele Dinge erst in die Umzugskartons packen. Die letzten drei Tagen hatte ich ja mit Teppich verlegen verbracht. Da war nicht mehr viel Zeit zum Einpacken gew4esen. Das hatte ich zwar in den letzten Wochen schon teilweise erledigt und ich dachte, das meiste wäre schon gepackt. Das aber erwies sich als völliger Irrtum. Und meine Helfer erwiesen sich als Helden der Arbeit.
Am Schluss gab es einige seltsame Verhaltensweisen, die ich mir nur als Panikreaktionen erklären konnte. So hatte ich in Altensalzwedel zum Beispiel einen begehbaren Kleiderschrank. Hier waren alle meine Kleidungstücke immer in Kisten. Ich habe nur bügelfreie Kleidung. Da gab es eine Kiste für Blusen, eine für Socken, eine für Hosen und so weiter. Nach dem Waschen konnte ich alles immer in die dazu gehörige Kiste werfen und hatte keine Arbeit damit. Ein Freund, der beim Umzug diesen Raum leer räumen wollte, fing an, die Kleidung aus den Kisten in Umzugskartons zu befördern, konnte aber noch von Jana daran gehindert werden. Die Kleidung kann ja in ihren eigenen Kisten transportiert werden. Eine Umbettung ist unnötig.
In einer anderen großen Plastikkiste hatte ich Bücher und alles, was ich für meine Vorträge gebraucht hatte. Das fand ich später in einem Umzugskarton wieder, während andere Dinge sich in der Plastikkiste befanden. Wirklich erschreckend war es für mich, als ich später meine Bankkarte in einem Stoffportemonnaie wiederfand. Ich hatte bei meinem Computer eine Schublade mit wichtigen Dingen, wie Kontokarten, Geburtsurkunde, Rentenbescheinigungen und so und ich hatte gedacht, das wir die Schublade einfach so mit dem Inhalt transportieren würden. Dass diese Dinge von einander getrennt worden waren, erschreckte mich.
Aber ich glaube, wenn man lange genug räumt und sich dann immer noch ein und noch ein Zimmer auftut, das noch nicht ausgeräumt ist, dann dreht man langsam ein bisschen durch und kann nicht mehr klar denken. So gegen 22 Uhr am Abend waren wir alle so erschöpft, dass wir Hilferufe per Whatsapp verschickten. Tatsächlich kam Sabine eine halbe Stunde später, um uns ein wenig zu helfen. Sie war direkt von einer Veranstaltung abgehauen, auf der sie hätte sein sollen, die Gute.
Kurz vor 11 Uhr hatten wie den Laster endlich zum zweiten Mal ausgeleert. Nadine brachte ihn zurück und kam mit Pizza für alle wieder. Jana und Manfred hatten mir in der Zwischenzeit geholfen aus all den Sachen, Möbeln und Kartons die Dinge herauszusuchen, die ich in der Nacht brauchen würde, wie Duschsachen, Bettzeug und so. Das brachten wir nach oben. Alles andere verblieb erst einmal im Schankraum. Als Nadine mit der Pizza kam, dachte ich zuerst, ich könnte vor Erschöpfung überhaupt nicht essen, aber sobald der leckere Geruch sich im Zimmer verbreitete, bekam ich sofort Hunger.
In den folgenden acht Wochen beschäftigte ich mich damit, all die Dinge Stück für Stück nach oben in meine Wohnung zu schleppen oder auch schleppen zu lassen und all die Kartons auszupacken. Es gab etliche Möbel, die sich gar nicht die enge Wendeltreppe hinaus transportieren ließen oder die einfach nicht mehr in die Wohnung passten. Ich musste mich noch einmal von allem Möglichen trennen, von mehr als gedacht. Tatsächlich habe ich immer noch 12 Metallbetten aus einer ehemaligen Polizeikaserne im Keller stehen, die ich auf Ebay nicht verkaufen konnte. Früher sind das die Gästebetten für die Seminarteilnehmer gewesen.
Es war eine übermäßig anstrengende Phase in meinem Leben. Immerhin werde ich dieses Jahr sechzig. Zwei Monate lang räumen und schleppen ist schon fast Trauma erzeugend. Natürlich gehört zu einem Umzug auch allerlei Behördenkram. Ich musste mich arbeitslos melden, denn ich hatte mit dem Seminarhaus ja auch meinen Job verkauft. Aber das Schicksal hatte sich etwas anderes für mich vorgestellt und hier kommt es:
Mein Vermieter, jener nette Herr aus Tangermünde, der den Bahnhof gekauft hat, fragte mich, ob ich nicht die Gaststätte im Erdgeschoss wieder aufmachen möchte. Er hatte umfangreiche Mittel für die Renovierung des alten Bahnhofes bei der NASA (Nahverkehrsgesellschaft Sachsen-Anhalt) beantragt, deren Bewilligung mit der Auflage verbunden waren, dass jemand die Gastronomie wieder eröffnet und die Durchreisenden versorgt.
Im ersten Moment konnte ich mir das nicht vorstellen. Ich war zwar die letzten 16 Jahre selbständig gewesen, aber vom Gaststätten Gewerbe hatte ich wenig Ahnung. Trotzdem sagte ich zu. Zuerst waren noch zwei Freundinnen mit von der Partie, aber inzwischen bin ich es nur noch allein. Inzwischen habe ich mich aber mehr als nur angefreundet mit dieser Idee. Ich habe mich eingelesen, habe vieles in Erfahrung gebracht und mich so an die Idee gewöhnt, dass ich mich jetzt schon sehr darauf freue.
Es wird ein Café werden und der Name ist Café Anhalt.
Ich möchte auch diese Erfahrungen hier mit dir teilen. Wenn du Lust und Interesse hast, sei dabei und ich berichte so nach und nach, wie sich alles mit dem Café gefügt hat. Heute haben wir den 8. Mai und das Café ist noch nicht eröffnet, sondern eine komplette Baustelle)















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