Sonntag, 17. September 2017

Ich bin zu alt für diesen Sch...

12.9.2017
Wow! War das ein anstrengendes Wochenende! Aber es hat sich gelohnt. Mir sind jetzt viele Dinge deutlich geworden und ich weiß jetzt auch, worum ich mich als nächstes kümmern muss: Logistik! Mit einer guten Logistik wäre alles wesentlich weniger anstrengend gewesen. Natürlich ließ sich das jetzt erst mal gar nicht verwirklichen. Wir haben das Café in der Baustelle provisorisch aufgebaut und vieles war jetzt noch anders, als es später sein wird. Ich habe mich schon an unseren Vermieter gewendet und ihm gesagt, dass ich später unbedingt noch einen weiteren Raum im Bahnhof mieten will, den ich erreichen kann, ohne irgendwelche Treppen überwinden zu müssen.

Darin lag eines meiner Hauptprobleme an diesem Wochenende. Meine Möbel befanden sich in Räumen, zu denen Treppen führten und es hat mich einiges an Geld gekostet, diese transportieren zu lassen. Später will ich einfach einen guten, stabilen Transportwagen haben und alles selber von A nach B transportieren können ohne Treppen und ohne extra Personal, das mich nur Geld kostet. Jetzt sind meine Möbel wieder eingelagert im Nebengebäude, zu dem Stufen hinauf führen. Später, wenn wir hier Events machen, will ich eine ausgeklügelte Logistik haben, mit deren Hilfe ich alle Eventmöbel, Gartengestühl, Bühne, Beleuchtung und so weiter, routiniert herbeischaffen und wieder wegräumen kann.

Dasselbe gilt für die Küche. Jetzt, nach der Generalprobe, weiß ich eigentlich erst, worauf ich achten muss. David D hat mir Hilfe angeboten, die ich sehr gern annehme. Alles muss griffbereit und leicht zu erreichen sein. Es müssen Müllgefäße da stehen, wo der Müll entsteht und entsorgt wird. Es muss ermittelt werden, welcher Bereich vorn sein sollte und welcher eher hinten sein kann. Es ist sehr eng in unserer Küche und wir sollten uns nicht im Weg stehen. In diesen Überlegungen liegen Möglichkeiten zu einer gesunden Vereinfachung, weniger Stress und weniger Kosten. Ich weiß jetzt auch, dass ich noch günstiger einkaufen kann. Mir wurden einige gute Tipps am Wochenende gegeben, was Einkauf betrifft.

Es was ein schönes Wochenende mit viel Spaß und vielen guten Gesprächen. Jana hat hinter dem Tresen ihre Berufung gefunden. Dabei war sie vorher der Meinung, sie könne das überhaupt nicht. Seit jener ersten Erfahrung, die damals so in die Hose ging, hat sie sich aber enorm weiter entwickelt. Sie hat die ganze Zeit über immer neue Brötchen geschmiert und neue Dekos dazu erfunden. Dazu lauter gute Ideen gehabt und bekam auch gutes Trinkgeld von den Leuten.

 
Als ich am Mittwoch mit dem Aufbau des provisorischen Cafés begann, da sah hier alles so aus:
 




Während wir verzweifelt versuchten, die Möbel alle ranzuschaffen, die Stühle wieder mit ihren Sitzpolstern zu vereinigen, aus dem großen Tische Einzelteil Puzzle wieder zusammengehörige Tischmöbel zu machen, wuselten die Handwerker um uns herum und ließen es sich nicht nehmen, ihre Arbeit zu machen. Da dachte ich: "Es ist unmöglich. Ich schaffe es nicht." Dieser Gedanke stresste mich ungemein. (Was heißt hier ungemein, der Gedanke stresste mich sogar sehr gemein!)
 

Es ist erstaunlich, wie viel Macht so ein Gedanke besitzt. Ich wollte mich die ganze Zeit über hinsetzen und das prozessieren, um meine Kraft zurück zu holen, aber es gab einfach keine Zeit zum Hinsetzen. Also machte ich weiter und verdrängte meine Ängste in den Hintergrund. Trotz meiner Panik, sorgte ich für gute Stimmung bei den Helfern und versuchte auch die Handwerker so gut wie möglich zu trösten. Darauf kann ich durchaus stolz sein. Das war eine ziemliche Leistung.
 

Wir schleppten die Spüle und den Spülen Schrank herbei, der vom Klempner angeschlossen wurde. Als wir aber die große Haubenspülmaschine anschließen wollten, stellte sich heraus, dass sie Starkstrom benötigte. Das war jetzt dumm. Ich habe natürlich Starkstrom in der Küche, aber ich habe den Strom auf der einen Seite und die Wasseranschlüsse auf der anderen. Aus diesem Grunde konnten wir die Haubenspülmaschine diesmal nicht verwenden. Es wird jetzt noch eine weitere Starkstromleitung auf die andere Seite gelegt, aber das war nicht mehr für dieses Wochenende zu schaffen.

 
Am Donnerstag war der eigentliche Aufbautag. Das hat den Maurer aber nicht daran gehindert hinter mir noch eine Mauer hochzuziehen. Wieder hatte ich den ganzen Tag lang diese fiese Panik im Bauch. Ich war mir wirklich nicht sicher, ob ich es schaffen kann. Dagegen hilft normalerweise die "Worst Case" Methode. Ich hätte mir vorstellen sollen, dass ich es nicht schaffe, den schlimmsten Fall, dass alles nicht klappt und mich dann damit abfinden, es loslassen. Das nimmt die Angst weg. Aber es war so viel zu tun, dass ich mich nicht mal für 10 Minuten ausklinken konnte.
 
 
An diesem Vormittag bekam ich zwei Anrufe vom Gesundheitsamt. Das versetzte mich in noch mehr Panik. Normalerweise gelten für solche Kunstveranstaltungen andere Regeln als für einen normalen Caféhausbetrieb. Aber auf einmal hieß es, ich bräuchte doch zwei Wachbecken und all diese Dinge. Das wusste ich natürlich, aber ich dachte, das gilt erst, wenn ich wirklich eröffne. Als die beiden Damen dann aber später zu uns kamen, stellte sich das Ganze doch als Irrtum heraus. Weil dieser Event zufällig mit der Erlangung meines Gewerbescheines zusammenfiel, hatte man angenommen, dies sei meine richtige Eröffnung.
 
 
Ich telefonierte, organisierte, verhandelte, diskutierte, räumte, plante, bastelte, entwickelte Lösungen und lief und lief und lief und lief. Als Heinrich und Nadine dann später die großen Bilder von Heinrichs Kunst an die Wände hängten, begann auf einmal alles richtig toll auszusehen trotz der Baustelle und trotz des permanenten Feinstaubs, der sich überall hinlegte und unweigerlich auch in den Haaren klebte. Kaum hatte man irgendetwas angefasst, fühlten sich die Hände sofort komisch an, staubig irgendwie.
 

 
Plötzlich hatte alles Flair und das blieb auch so während des gesamten Wochenendes. Ich hatte ja auch vorher schon eine Menge zu organisieren gehabt. So war es mir gelungen, auf den letzten Drücker noch ein zweites Schlafsofa von der Awo zu ergattern. Eines hatte ich mir ja schon vor einiger Zeit im sozialen Kaufhaus besorgt. Darauf schliefen an diesem Wochenende Jana und Manfred, die beide gekommen waren, um mich bei diesem Wochenende zu unterstützen. Ihre Unterstützung war auch mehr als willkommen und hat alles bereichert.
 
Aber Gitta wollte auch kommen und bei mir übernachten. Darum brauchte ich noch ein zweites Schlafsofa für das Wohnzimmer. Das habe ich dann beider Awo auch gefunden und mir gekauft, aber es gefällt mir bei der Awo nicht besonders. Dort fühlt man sich wie ein armer Bittsteller. Ich musste auf dem Flur sitzen und warten, bis ich drankam. Dann musste ich mich vor einen Schreibtisch setzen und mit der Frau reden. Es war erforderlich, dass ich mit viel innerer Kraft gegenan arbeitete, um mir dieses Bittsteller Gefühl nicht reindrücken zu lassen. Das ist im sozialen Kaufhaus und übrigens auch bei unserer Möbelbörse ganz anders. Da sind alle so nett und heiter und achten darauf, dass sich die Kunden nie schlecht fühlen müssen, weil sie gezwungen sind, aus zweiter Hand zu kaufen.
 
 
Wie man sieht, ist es dasselbe Sofa wie auch im Hinterzimmer schon. Diese Art Schlafsofas sind einfach praktisch und sehen auch gut aus. Meine Schwester, Andy, hatte ich ebenfalls eingeladen. Sie konnte aber nicht bei mir übernachten wegen ihrer extremen Katzenallergie. Sonst wacht sie morgens auf und ist tot. Sie konnte kein Zimmer finden, zumindest kein preisgünstiges. Sie wollte nur höchstens 45 Euro dafür ausgeben. Ich telefonierte eine Weile lang vergeblich herum, bis Heinrich mir den Link zu einer sehr ausführlichen Unterkunftsliste von Salzwedel gab. Da waren wirklich alle enthalten.
 
In dieser Liste fand ich schließlich einen Pension, die Zimmer für 32 Euro die Nacht anbot. Ich buchte Andy gleich mal ein Zimmer, bevor die auch ausverkauft sein würden. Das war ein Glücksgriff. Außerdem besorgte ich auch ganz viel Dekoration für die Tische und die Fensterbänke, die es übrigens nicht gab. Ich fand so kleine Mini Lichterketten mit zwanzig Lichtern. Davon legte ich in jedes Fenster eine. Sie wurden dann noch mit Zweigen ausgelegt, so dass die Lichter durch die Zweige schimmerten. Das sah gut aus.
 





Dazu kaufte ich noch große Einmachgläser und Dekogranulat. Dann habe ich immer die Batterie zu so einer Lichterkette in das Einmachglas gelegt, sie mir Granulat bedeckt und den Rest der Lichterkette ins Glas gestopft. Eigentlich wollte ich auch noch einen kleinen Zweig dazu stopfen, aber dazu kam ich gar nicht mehr. In die kleinen Windlichter legte ich künstliche Kerzen, die brannten die ganzen drei Tage lang unermüdlich weiter. Am Ende wurde alles so viel, dass ich nicht mehr wusste, wie ich das alles bewältigen sollte.
 
 
Freitag Nachmittag musste ich noch schnell zu Kaufland, weil mir aufgefallen, war, dass mir noch einiges fehlte. Ich hatte noch gar kein Obst und keine Gurken und Tomaten für die Brötchen. Elke war schon zuvor, am Donnerstag mit mir zur Metro und zu Kaufland gefahren, aber das Gemüse wollte ich ganz frisch kaufen. Ein Glück, dass ich Elke hatte. In ihr großes Auto geht schön viel hinein und wir machten einen ganz entspannten Großeinkauf. Aber am Freitag musste ich dringend  nochmal los. Als ich zurück kam, war es bereits 18 Uhr und um 19 Uhr sollte es losgehen. Jana und Manfred trudelten ein und halfen mir.

 
Wir mussten die Snacks fertig machen, die es zur Eröffnung geben sollte. Keine Zeit, mich noch einmal umzuziehen, einfach rein ins Gefecht so, wie ich war. Irgendwann hörte ich das Didgeridu von den Takadimis nach mir rufen. Ich verließ meinen Tresen und eilte durch die Menschenmenge, die sich inzwischen eingefunden hatte, zu der Bühne in der Bahnhofshalle. Die Trommelgruppe hatte sich bereits aufgebaut. Es wurde noch nervös dies und das getuschelt und nachgefragt, dann ging es los. Wir spielten drei Lieder, wie wir es geplant hatten. Ich war richtig gut und machte fast keine Fehler. Die kleinen Einsatzfehler, die ich trotzdem noch gemacht habe, bemerkte niemand.

 
Heinrich hielt anschließend noch die Eröffnungsrede und dann ging es los. Es war wirklich ein Segen, dass ich Helfer hatte. Sie verbrachten fast das ganze Wochenende hinter dem Tresen. Manfred betätigte sich als Kaffee Ausschenker und Andy nahm sich den Abwasch vor. Jana wurde immer kreativer im Erfinden neuer Brötchendekorationen. Sabine hatte uns dafür einen Gurkenanspitzer gegeben. Das Gerät funktioniert nach demselben Prinzip wie ein Bleistiftanspitzer, nur dass man eben Gurke damit anspitzt. Das Abfallprodukt, hauchfeine Gurkenscheiben, wird dann als Dekor benutzt. Sehr praktisch und es sieht toll aus.

 
Die Eröffnungsfeier am Freitag wurde später dann sehr laut, als die Punkrockgruppe Wladiwostok zu spielen begann und überhaupt nicht mehr wieder damit aufhörte. Um 23 Uhr schlug ich vor, dass wir das Café schließen und nach oben gehen. Eigentlich wollten wir uns unterhalten, aber wir waren zu erschöpft und gingen statt dessen doch gleich zu Bett. Bis 3 Uhr nachts drehte ich mich im Bett um, weil Wladiwostok mich nicht einschlafen ließ. Aber was soll's? Einmal im Jahr kann man auch mal auf seinen Schlaf verzichten.
 
Am Samstag und Sonntag hatten wir dann Caféhausbetrieb. Es war sehr schön. Die offene Bühne wurde genutzt. Auch Manfred spielte mehrfach ausdauernd für uns. Er hat ein sehr schönes Programm aus klassischer Gitarre mit anderen Elementen dazu. Das ist ein Style, der alles veredelt. Ein Highlight entstand als Stefan mit seiner Gitarre ankam. Zuerst spiele er ein wenig alleine, dann ließen er und Manfred ihre alte Band "Mojo Brothers" wieder aufleben und spielten uns Mojo Blues vor, wobei sie einen dritten Musiker integrierten, der auch für die offene Bühne gekommen war. Das war wirklich super und lockte eine Menge Menschen ins Cafè.
 
 
Es kamen auch eine Menge sehr interessanter Menschen ins Cafè, Autoren, Künstler, Musiker, Philosophen. Einige waren auf der Durchreise und gerieten zufällig in unser provisorisches Café, andere waren direkt von Wagen und Winnen angelockt worden. Ich habe fast die ganze Zeit über die interessantesten Gespräche mit Leuten gehabt.
 
 
Am Samstag Abend hatten die Takadimis in Benkendorf einen Auftritt. Benkendorf ist nur so etwa 15 Kilometer entfernt. Manfred fuhr mich hin. Jana übernahm solange die Caféhaus Geschäfte. Aber das mit dem Auftritt, war nun wirklich ne Ecke zu viel Stress. Ich habe unzählige Einsätze verpasst und mir ist sogar ZWEIMAL während des Auftrittes einer der Trommelstöcke aus der Hand geflogen. Beim ersten Mal fiel er mir direkt vor die Füße und ich konnte ihn selbst aufheben, aber beim zweiten Mal fiel er vor die Sitzreihe, hinter der die Basstrommeln aufgebaut waren. Ich wäre da gar nicht durch gekommen.
 
Zum Glück konnte Nadine ihn erreichen. Sie sammelte ihn auf und gab ihn mir, musste dafür aber für einen Moment die Glocke vernachlässigen, die sie bei dem Lied gerade spielte. Ich musste darüber ziemlich grinsen, fühlte aber auch deutlich, wie mir mein ganzer Kopf heiß wurde. Manfred sagte später tröstend, das würde selbst den größten Trommlern passieren. Gut! Dann stehe ich jetzt in einer Reihe mit den ganz großen Trommlern (hi hi).
 
 
 
Dann war am Samstag um 21 Uhr in der Bahnhofshalle Salzwedel noch der Poetry Slam. Poetry Slam ist eine Veranstaltung, bei der jeder seine Texte vorlesen oder vortragen kann. Es gibt ein paar Regeln und eine vorgegebene Maximalzeit, mit der es aber auch nicht so genau genommen wird.
Daran wollte ich schon ganz lange mal teilnehmen, hatte aber bisher immer Schwierigkeiten, dahin zu kommen, so ohne Auto. Nun war es im Bahnhof. Ich las meine alten Drachentöter Gedichte. Das sind lustige Gedichte, die auch lustig gereimt sind. Im letzten Post hab ich ja auch schon eine Variante veröffentlicht, hier sind mal noch zwei davon.

Der Drachentöter, Variante 14

Der Drache, ein noch junges Tier

Wünscht sich mal wieder ein Turnier.

Er sucht nach einem Menschensohn

mit auch zuviel Testosteron.

 

Sieht Menschen sich mit Arbeit plagen,

fliegt gleich mal hin, um sie zu fragen.

„Wo findet man denn hier die Recken,

die in den Blechkostümen stecken?“

 

Wirft in die Brust sich Beifall heischend,

da fliehen alle Menschen kreischend.

Er stapft nach Hause: „Grummel, grant“,

denkt: „Neue Männer braucht das Land“.

 

Der Drachentöter, Variante 15

 

Prinz Richard, ein noch junger Mann

Wagt sich an einen Drachen ran.

Voll Leidenschaft und Kampfesmut

Bringt er das gute Tier in Wut

 

Brüllt: „Friss den Stahl, du Untier du“

Da schnappt die Falle für ihn zu.

Der Prinz, er schwankt und wird aschfahl

Als hochbeamt ihn ein Traktorstrahl

 

Ein Raumschiff, das da oben weilt,

hat ihn als Beute angepeilt.

Die grünen Männchen freu`n sich schon

über den neuen Menschensohn

 

Prinz Richard will sein Schwert erheben

Doch erst muss er sich übergeben

Der Drache grinst, der Ritter pöbelt

Zu gern hätt` er das Tier vermöbelt.
 

So was zu machen ist nicht fair

Der Drache winkt ihm hinterher

Der Prinz, er wird zum Souvenier

Denn Aliens, die waren hier.
 
12 Varianten davon habe ich während meiner Studienzeit geschrieben und die letzten drei kürzlich hinzugefügt, damit ich auch eine Zugabe machen kann, wenn es gewünscht wird. Ich habe den Poetry Slam übrigens gewonnen, obwohl die Texte der anderen auch sehr gut und zum Teil auch sehr lustig waren. Mein Preis war diese "edle" Mütze:
 
 
Dazu noch das Ohr aus Plastik und zwei oder drei antiquarische Bücher. Die ganze Veranstaltung nimmt sich selbst nicht so ernst.
Am Sonntag Abend dann kamen Nadine und Heinrich und wir mussten alles, ALLES, alles wieder zurück bauen. Zum Glück fand sich bei mir ein sehr netter Handwerker ein, der mir fast alle Möbel 'rüber getragen hat in das Nebengebäude. Ich habe unterdessen alle anderen Dinge, Geschirr, Bestecke und überhaupt den ganzen endlosen Kram, den man für so eine Café braucht, immer wieder auf meinen neuen Servierwagen geladen und 'rübergekarrt. Hier unten auf dem nächsten Bild, sieht man den Servierwagen rechts.
 
 
Es war eine unglaubliche Arbeit und ich war sehr erstaunt darüber, dass mein Rücken das so lange mitgemacht hat. Vor der Treppe musste ich natürlich immer anhalten und die Sachen dann von Hand weiter ins Gebäude tragen. Der Handwerker und ich, wir haben sehr gut gestaut, haben alles immer aufeinander und ineinander gelagert, damit möglichst alles in den Raum hinein passt. Der junge Mann (Mein Held der Arbeit) ist nicht weggegangen, bis nicht wirklich alles drüben war, was wir an dem Tag bewegen konnten.
 
Übrig blieben die großen Möbel. Eine riesige Kühltruhe, einen Kühlschrank, eine Spüle und solche Sachen. Die kann der Handwerker nicht ganz alleine tragen. Das ließen wir dann für den nächsten Tag stehen, wo ich auf mein Glück hoffte. Während der ganzen Räumerei hatte ich so nach und nach alles auf die Treppe gelegt, was nach oben zu mir in die Wohnung sollte. Es erwies sich, dass dies doch sehr viel war. Eigentlich war es wie ein Umzug. Da denkt man auch, so die letzten paar Sachen nehm ich mal eben auf den Arm und dann sind es noch drei Autoladungen.
 
Am Ende war die ganze Treppe voll mit Kram, der aus der Wohnung stammte und auch wieder dahin zurück sollte. Das alles hat der Bub mir dann auch noch nach oben geschleppt. (Ich sah mich schon die nächsten drei Wochen die Sachen so nach und nach immer mit nach oben nehmen). Am Montag wurde ich dann schon um 7 Uhr nach unten gerufen, um die Tür aufzuschließen. Der Künstler Sven Strauß war schon super fleißig damit beschäftigt, die Bühne abzubauen und aufzuladen.
 
Die Handwerker waren der Meinung, sie müssten unbedingt jetzt sofort und auf der Stelle die Decke verspachteln. Das war echt Quatsch. An dem Montag wuselten sie die ganze Zeit um uns herum und den ganzen Rest der Woche war die Baustelle leer. Sie hätten uns einfach noch diesen Tag geben sollen. Es kamen einige Helfer und halfen mir auch einiges abzubauen, aber nicht alles. Es wurde eng, ich geriet wieder in Angst und Stress. "Was soll ich machen? Wie kriege ich die Sachen wieder aus der Baustelle raus?"
 
Schließlich setzte ich mich auf die Bank vor den Fahrkartenschalter und wartete auf Männer, die sich Fahrkarten kaufen wollten. Ich sprach jeden einzelnen an und jeder trug mir zumindest das eine oder andere Teil nach drüben ins andere Gebäude. Auch den Getränkelieferanten sprach ich an, die die Kisten und die geliehenen Tresen wieder abholte. Er war auch sehr nett und beförderte das eine oder andere ins Nebengebäude. Am Ende blieb die Spüle. Sie steht immer noch in der Baustelle. Niemand hat sie bewegt. Ich kann es nicht. Und es blieben auch eine Reihe von Stühlen, die Nadine mir geschenkt hat. Die hatte ich völlig vergessen, weil sie nicht im Café, sondern in der Bahnhofshalle standen.
 
 
Auf die Stühle wurde ich erst dadurch aufmerksam, dass ein Ehepaar bei mir klingelte und fragte, ob sie mir vier davon abkaufen dürften. Ihnen gefiele der DDR Schick. Inzwischen sind aber auch die Stühle im Nebengebäude angekommen. Es ist ja schon wieder eine Woche herum.
An diesem Wochenende war die Ausstellung im Nebengebäude wieder offen. Ich hatte das ganz vergessen und bin zufällig über die Künstlerinnen gestolpert, die Türöffnungsdient machten, als ich zur Mülltonne ging.
 
 
Eine Künstlerin hatte ihre Harfe mit und spielte uns draußen vor der Tür etwas vor. Das war gestern. Heute bekam ich schon am Vormittag einen Anruf, weil die Frau, die die Ausstellung öffnen wollte, die Tür nicht aufbekam. Damit ist sie nicht die einzige. Die Tür geht etwas schwer. Später bin ich dann hinunter gegangen und wir haben in der Sonne gesessen und Kaffee getrunken. Es kamen eine ganze Menge Menschen, die in die Ausstellung wollten. Ich kochte mehrfach Kaffee. Den habe ich gesponsert. Irgendwann tauchten einige Frauen auf, die Pech mit ihrem Zug gehabt hatten. Sie waren unterwegs nach Uelzen gewesen, als ihr Zug wegen eines Weichenstellproblems wieder zurück fahren musste.
 
Sie setzten sich zu uns und bekamen auch Kaffee. Ich bin immer noch etwas "traumatisiert" oder nennen wir es gaga von den Anstrengungen des Wagen und Winnen Wochenendes. Ich wollte auch keinerlei Leistungen bringen. Deshalb war es mir ganz recht, den Nachmittag Kaffee trinkend mit den anderen vor der Ausstellung zu verbringen. Es schien die Sonne und wir hatten es warm dort. Mehrere Leute haben sich im Datum geirrt und mir am 14. Geburtstagsgeschenke geschickt. Ich bekam Blumen, Pralinen, Bücher und ein Manuskript.
 

 
Das richtige Datum ist der 21. September, also kommenden Donnerstag. Da werde ich nun also endlich wirklich 60 Jahre, nachdem ich schon ein halbes Jahr lang behaupte 60 zu sein. Das ist so eine Familienmacke. Das machen wir Barkmanns alle. Unten im Bahnhof und auch hier oben im hinteren Bereich wurden erneut alle Fenster zugeklebt. Jetzt ist es im Café echt finster.
 
 
Es sieht fast aus wie in der Nacht, dabei schien draußen hell die Sonne. In der Küche habe ich momentan zwei Lampen an, weil es darin so duster ist. Außerdem hatten die Handwerker die hintere Tür, die zur Rampe führt, fest zugeklebt. Ich bin am Freitag extra noch mit dem Zweirad gefahren, weil ich das vorn die Treppe hinunter bekomme. Ich dachte auch, wenn sie dann Feierabend haben, machen sie die Tür wieder auf. Aber sie sind ins Wochenende gefahren und haben alles so zugeklebt gelassen. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als die Plane selbst von der Tür abzumachen, denn ich konnte nicht ins Wochenende gehen, ohne eingekauft zu haben.
 
Ich brauchte vor allem Getränke und die transportiere ich mit dem Dreirad. Das ist ja sonst alles viel zu schwer und passt nicht in den Fahrradkorb. Das Dreirad kann ich aber nicht die Treppe hoch und hinuntertragen. Immerhin wiegt es 60 Kilo. Da muss ich dann die Rampe nehmen und durch die hintere Tür kommen. Morgen ist schon wieder Montag. Nicht zu fassen. Ich bin immer noch nicht wieder ganz hergestellt von Wagen und Winnen. Um mal ein Filmzitat aus dem Film "Lethal Weapon" zu zitieren;: "Ich bin zu alt für diesen Scheiß." Wenn das nächste Mal die Möbel aus dem Raum geholt werden, dann um für Gut ins Café gestellt zu werden. So eine provisorische Nummer übersteigt meine Kräfte (immerhin bin ich 60. Hi hi).
 
Abends baue ich mir immer ein Nest, indem ich zwei Sessel vor dem Fernseher zusammenschiebe. Im Moment muss ich dann auch noch zwei Wolldecken nehmen, denn es ist ziemlich kalt im Haus. Der Vermieter wollte schon die Heizung anstellen lassen, aber es geht momentan nicht, weil die Leitungen wegen der Bauarbeiten unterbrochen sind. Selina kommt dann gern zu mir ins Nest. Sie hat auch nicht so viel Spaß daran in der Kälte draußen herum zu stromern. Hier zum Abschluss noch ein schönes Bild von meiner Selina in unserem Nest.
 
 
 
 
 

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Samstag, 2. September 2017

Wagen und Winnen 2017

29.8.2017
Gerade komme ich vom Trommeln mit dem Percussion Ensemble "Die Takadimis" nach Hause. Heute ist Dienstag und es war ein Tag, der von Stunde zu Stunde wärmer wurde. Bevor ich eben von der Schule losfahren konnte, wo wir unsere Übungsstunden abhalten, musste ich erst mal eine kleine Erfindung für meine Fahrradlampe machen. Irgendetwas scheint von der Lampenhalterung abgebrochen zu sein, denn die Lampe hat keinen Halt. Ich habe sie dann mit einem meiner Spanngurte festgebunden.


Bis ich damit fertig war, hatten sich schon alle verabschiedet und ich war allein auf der Straße. Ich schwang mich auf mein Zweirad und radelte entspannt durch die laue Nacht. Auf den Straßen waren nicht mehr viele Autos, aber überall gab es noch Straßenlaternen und leuchtende Werbungen. Plötzlich wurde mir bewusst, dass es sich alles so anfühlt, als wäre ich wieder jung. Wie oft bin ich als Mädchen und später als junge Frau in lauen Sommernächten von irgendeiner Sportveranstaltung kommend entspannt durch die Straßen geradelt.

Damals war mein Körper gesund und sportlich. So war es aber heute auch. Statt einer Judoveranstaltung oder Jazz Gymnastik ist es heute Trommeln. Eben noch eine fröhliche Gruppe verlassen und ganz frei und heiter allein durch die Nacht. Als wäre ich nicht alt geworden. Was für ein Geschenk, sich noch einmal so fühlen zu dürfen!



Das Trommeln macht mir immer mehr Spaß. Inzwischen habe ich auch viel geübt und gelernt und habe nicht mehr vor jedem neuen Lied Angst, den anderen alles zu verderben. Es geht mir nicht so sehr darum, mich nicht zu blamieren. Das kann man ruhig mal machen. Aber ich möchte nicht so schlecht sein, dass die anderen, die sich ja schon viel länger kennen, keinen Spaß mehr am Trommeln haben. Für mich ist das zur Zeit noch ein ganz schön anspruchsvolles Programm. Ich schaffe mir alle Lieder der Takadimis drauf, mit allem Rhythmen allen Wechseln und allen Einsätzen. Das ist viel.

Aber ich werde besser. Heute habe ich nur noch bei einem Lied so richtig geloost.
Deshalb hat unser musikalische Leiter Thorsten Urban, es lieber von der Liste jener Lieder genommen, die wir am Freitag, den 8. September bei der Eröffnung von Wagen und Winnen spielen. Mit der Zeit werde ich das Lied aber auch noch hinkriegen. Heute hat es so richtig Spaß gemacht. besonders ein Lied, bei dem noch jemand mit mir an den Basstrommeln steht. Wir spielen zusammen auf zwei Trommeln den gleichen Rhythmus.

Wenn zwei Trommeln dasselbe spielen, dann müssen sie aber auch ganz synchron sein, sonst hört man das sofort. Der Mann hat so richtig drauf gehauen und sehr pointiert und rhythmisch gespielt. Das gefiel mir gut und ich habe mich daran angepasst, bis ich das Gefühl hatte, wir spielen zusammen wie auf einer einzigen Trommel. Das war toll. Dabei war es allerdings extrem warm in dem Raum und wir müssen die Fenster geschlossen halten, um die Nachbarn nicht zu stören.

Am Freitag, den 8. September wird das große Kunstfestival Wagen und Winnen im Bahnhof Salzwedel mit Musik und Party eröffnet. Ich eröffne zu diesem Anlass mein Café schon mal provisorisch in der Bahnhofsbaustelle. Damit bin ich zur Zeit sehr beschäftigt. Ich kaufe Kühltruhen, eine Haubenspülmaschine, ein Gerät um Würstchen warm zu halten, Geschirr und Besteck und etliche andere Dinge, die ich dann später für das Café Anhalt auch brauchen werde.

Ich organisiere, dass jemand kommt und alles mit mir aufbaut. Dazu benötige ich einen Handwerker und zwar einen zuverlässigen. Jemand muss den Ofen anschließen, die Spüle und die Spülmaschine und auch den Kühltresen. Ich miete einen Tresen für diesen Anlass, schaffe alle Tische und Stühle aus dem Keller nach oben, überlege mir, welche Snacks ich bei der Abendveranstaltung verkaufen werde und wie ich das Zeug ranschaffe.

Am Samstag und Sonntag gibt es dann Künstlerfrühstück im Bahnhof und eine offene Bühne, auf der jeder etwas zum besten geben kann, der das will. Dafür habe ich heute einen Flyer hergestellt und ihn in die Kreismusikschule gebracht. Dort war ich vorher noch nie. Die haben einen sehr schönen, extrem gepflegten Garten, in dem sie Buchsbäume so beschnitten haben, dass sie wie Notenschlüssel aussehen. Finde ich sehr witzig.

Ich selbst werde auch etwas ausstellen im zentralen Ausstellungsort am Bahnhof. Ich habe mir einen ganz kleinen Kellerraum ausgesucht, in dem ich schamanische Schilde und Stäbe ausstellen will. Dafür muss ich aber nicht nur den Raum selbst säubern, sondern auch das Treppenhaus und den Kellerflur. Außerdem soll ich im Bahnhof endlich Plakate aufhängen. Das wollte ich eigentlich heute auch tun, aber mir ist die Zeit davon gelaufen (na so was). Mach ich dann morgen.

Das Gebäude war zwanzig Jahre lang leerstehend, Niemand konnte es betreten. Und weil es überall Fenstergitter gibt, konnte auch niemand irgendwie eindringen. Alles darinnen ist heil, nur sehr schmutzig halt. Ich will auch eine Matratze dort hinlegen und einen Rekorder. Auf dem Rekorder spielen - sagen wir - Texte, die aus schamanischen Seminaren von mir stammen. Der Besucher kann sich zwischen all die Schilde legen und die Kraft der Schilde auf sich wirken lassen.

Der Fußboden wird mit Laub bedeckt, wofür ich mir heute extra eine Rosenschere besorgt habe.
Der Organisationsaufwand ist auf einmal riesig. Das war natürlich zu erwarten, aber trotzdem ist es heftig. Nachdem ich vorher so lange nicht wirklich viel tun konnte, muss nun auf einmal alles gleichzeitig geschehen. Und trotzdem habe ich zwischendrin noch ein paar Gedichte geschrieben.

Am Samstag, den 9. September wird nämlich im Bahnhof Salzwedel ein Poetry Slam stattfinden. Daran wollte ich schon lange mal teilnehmen, konnte es aber bisher immer nicht, weil die Veranstaltung zu weit weg war. Nun ist es bei mir im selben Haus. Das ist meine Chance. Es wird allerdings ein langer heftiger Tag. Zuerst Künstlerfrühstück und offene Bühne von 10 Uhr bis 18 Uhr, dann schnell nach Benkendorf fahren, wo die Takadimis einen Auftritt haben, danach wieder zurück zum Poetry Slam. Hoffentlich mache ich da nicht schlapp.

Andererseits haben wir bei unseren Seminaren in Altensalzwedel auch immer ganz schön viel geleistet. Bei einem Seminarwochenende gab es auch nie wirklich so etwas wie Pausen. Klar, offiziell gab es die, aber da wir ja mit unseren Teilnehmern zusammen gegessen haben, waren wir trotzdem aktiv und voll im Einsatz. Und ebenso am Abend dann. Wir haben immer mindestens bis 22 Uhr mit den Teilnehmern zusammen gesessen, bis wir uns rausgezogen haben. Jana, Manfred und ich haben dann immer noch ein wenig zusammen fern gesehen. Dabei sind wir aber meistens eingeschlafen.

Und am anderen Morgen ging es ab 8 Uhr gleich wieder los. Sobald wir nach unten in die Küche kamen, tummelten sich die Seminarteilnehmer um uns herum. Das konnte mal ganz toll sein und mal auch furchtbar anstrengend, je nach Seminar. So einen Megaeinsatz machen wir jetzt bei Wagen und Winnen auch. Wenn es mir nicht so viel Spaß machen würde, würde ich es mir vermutlich nicht mehr zutrauen. Ich wünschte mir wirklich so sehr, ich hätte Helfer, habe ich aber nicht. Alle müssen arbeiten. Mein Handwerker kommt schon am Mittwoch, weil er Donnerstag nicht kann. Ich hoffe, das geht klar, denn offiziell verlassen die Handwerker die Baustelle ja erst am Donnerstag.

Ich habe aber keine Wahl. Ich kann die Küche nicht allein aufbauen, also muss ich mich nach meinem Handwerker richten. Leider sind wir beide dann nur zu zweit. Das wird sehr heftig.
Wir müssen die ganzen Stühle wieder zusammenbauen, die beim Anstreichen von ihren Polstern getrennt wurden und ebenso die Tische, die auch auseinander genommen worden sind. Von der Küche ganz zu schweigen, die aus lauter Einzelteilen besteht, die ich gar nicht zuordnen kann.

Dann baut mir der junge Mann noch eine kleine Bühne aus drei Paletten und ich bekomme dafür von Sabine ihre Musikanlage ausgeliehen, die sie für Familienfeiern benutzt. Andere Leute bauen dann am Freitag noch einen weiteren Tresen im selben Raum auf, an dem auch Alkohol ausgeschenkt wird. Ach ja, ich muss noch das Formular für die Gestattung abgeben, darf ich nicht vergessen. Dann fahre ich mit irgendjemandem einkaufen und schaffe all die Nahrungsmittel ran, die ich für das Wochenende brauche. Da ich nicht gleich so gewaltige Massen haben will, bestelle ich noch nicht, sondern kaufe es erst mal selber bei der Metro.

Elke will mir noch einen Gefrierschrank schenken, der muss dann auch am Donnerstag oder Freitag geliefert werde. Das aber wird schwierig, weil Elke genau da keine Zeit hat. Sie besitzt das Eiscafé in Pretzier und das hat im Sommer immer von Donnerstag bis Sonntag geöffnet. Wenn wir aber den Gefrierschrank schon vorher holen, dann steht er in der Baustelle, wo die Maurer noch Wände durchbrechen und Türstürze einbauen. Das würde die Handwerker ernsthaft stören und es könnte auch dem Gerät schaden, wenn es so einstaubt.

Na ja, so ist das eben und es ist ja auch toll, so lebendig, so spannend, so intensiv.
Wollt ihr mal eine Kostprobe von dem, was ich beim Poetry Slam lese?
Ich lese den Drachentöter Zyklus, ein Frühwerk von mir. Es geht um den alten Mythos (altes Klischee) vom Drachentöter, der die Prinzessin rettet. Es beginnt immer gleich und hat jedes Mal ein anderes unerwartetes Ende.


Der Drachentöter, Variante 13

Prinz Richard, ein noch junger Mann
wagt sich an einen Drachen ran.
Brüllt: „Friss den Stahl, du Untier du“
Da zwinkert ihm der Drache zu.

Und sagt ihm, lass die Waffen schweigen.
Ich muss dir erst mal hier was zeigen.
Als Richard folgt ihm zu der Höhle,
erschallt ein trunkenes Gegröle.

Das kann nicht sein, das ist ein Traum
Randvoll mit Rittern ist der Raum
Es feiern feste hier die Recken
Und reiern auch mal in die Ecken

Mittenmang die Kunigunde
Schmettert Liedgut in die Runde
Und wie er da noch steht und wundert
Tritt zu ihm einer von den Hundert

"Prinz zu sein, das ist doch qualvoll
Hier haben wir nen ganzen Saal voll
Wer will denn schon als Held rumlaufen
Hier kannst du mit uns täglich saufen."

Prinz Richard sieht den Recken an.
Es blickt der Recke auf den Mann
Er schnappt sich einen Gral voll Bier
"Das ist ja wie Walhalla hier!"

Nun der Schluss ist rasch erzählt
Es ist ja klar, was er gewählt
Der Recken Glück kennt keine Wende
So feiern sie bis an ihr Ende.

Komm du doch auch zu Wagen und Winnen. Du kannst es bequem mit dem Zug erreichen, da die Hauptausstellung und die Eröffnungsparty ja im Bahnhof stattfindet.
Am Freitag, den 8. September wird um 19 Uhr mit einer Party eröffnet. Dann sind alle Ausstellungen das ganze Wochenende immer von 11 Uhr bis 18 Uhr geöffnet. Die zentrale Ausstellung ist im Bahnhof und dort ist auch mein provisorisches Café Zwischenhalt. Bei mir gibt es Samstag und Sonntag ab 10 Uhr Künstlerfrühstück mit offener Bühne und natürlich auch Kaffee und Kuchen. Spaß inbegriffen. Das solltest du dir nicht entgehen lassen.



Freitag, 4. August 2017

Die Wunschglocke

4.8.2017
Heute konnte ich mal wieder ausschlafen. In letzter Zeit hatte ich immer irgendwelche Termine, die mich aus dem Bett getrieben haben. Während ich auf meiner Rüttelmaschine gestanden habe, gingen ständig Handwerker auf dem Baugerüst vor meinem Fenster entlang, aber man gewöhnt sich an alles.
Gestern hatten wir hier einen Verkostungstermin, der total baden gegangen ist. Eigentlich sollten wir Brötchen, Kuchen und Torten von der Firma Edna verkosten, aber der Vertreter kam mit einem ganzen Backofen. Bei den Brötchen handelt es sich um Ware, die aufgebacken werden muss.

Es gab überhaupt keinen Platz, wo wir den Ofen aufstellen konnten. Das Café ist doch immer noch eine Baustelle. Da kann ich nicht einfach etwas hinstellen. Es ist sicher für die Handwerker schon lästig genug, dass sie dauernd mein Dreirad und mein Fahrrad wegschieben müssen. Dann ist der Vertreter lieber ganz schnell wieder los gefahren, solange die Ware noch nicht aufgetaut war. Ich habe daraufhin Bettina und Marlies, die später im Café mitarbeiten wollen und die extra zur Verkostung gekommen waren, spontan ins Café eingeladen.

Das hat Spaß gemacht, wir konnten uns näher kennenlernen. Beide sagten: "Du brauchst uns doch jetzt nicht einzuladen." Aber ich finde, dass ich das als Chefin durchaus mal tun sollte. Wir unterhielten uns sehr gut und gingen die ersten Schritte dahin, dass aus uns ein Team wird. Ich hoffe, es klappt mit den beiden. Ich mag sie beide gern, aber was mir da noch fehlt, ist der positive Geist. Sie sind beide so zurückhaltend und abwartend. Nicht, dass ich ihnen das verübeln könnte angesichts der Situation. Wir wissen ja nicht mal, ob wir denn nun im Oktober wirklich anfangen können.

Aber ich wünsche mir, dass sie mehr Vertrauen entwickeln. Vertrauen in das Projekt, in das Leben in unsere gemeinsame Kraft. Das Leben ist nicht so ein Jammertal, wie die Menschen immer denken. Das Leben gibt uns, was wir wünschen, wenn wir nur fähig werden, glücklich zu sein. Unsere Fähigkeit, Glück zu empfinden und zu erleben, ist sehr entscheidend dafür, welche Erlebnisse wir im Leben haben. Hier um mich herum gibt es so viele Menschen, die das ganze Leben negativ sehen und überall nur Probleme wittern.

Eben gerade, der Postbote fragte mich, was denn hier aus der Baustelle werden solle. Ich sagte: "Hier wird alles renoviert und schön gemacht", und er antwortete: "Na das gibt ja dann auch ne schöne Miete." Das ist ein ganz typischer Wort Beitrag zumindest für diese Region. Keine Lebensfreude, keine Begeisterungsfähigkeit (kein Mut nur mal so nebenbei bemerkt), dafür aber immer negative Gedanken. Das muss aber anders werden. Ich finde es ganz schön schwer, die anderen so ganz alleine hoch zu hieven. Ich wünschte mir sehr, ich hätte Unterstützung.

Da fällt mir meine neue Türglocke ein. Ich habe mir eine Türglocke gekauft, so ein nettes Gebamsel, das ich über der Tür aufgehängt habe. Diese Glocke habe ich rituell zur Wunschglocke erklärt. Wenn die Glocke bimmelt - und zwar überraschend, nicht wenn ich es erwartet habe - dann wird mir ein Wunsch erfüllt. Jeden Morgen, zumindest wenn ich daran denke, fühle ich in mich hinein, was da für Wünsche sind. Dann spreche ich meinen Wunsch aus und begehe den Tag. Tatsächlich läutet die Glocke recht häufig unerwartet, zumindest in letzter Zeit.

Heute Morgen, als ich in mich hinein spürte, um meinen heutigen Wunsch zu erkennen, da fühlte ich, dass ich mir Unterstützung wünsche, echte Unterstützung für mein Café Projekt. Ich wollte das gerade meinem Schutzengel/Pädagogen Team erzählen, als mein innerer Moralapostel sich zu Wort meldete und sagte, das dürfe ich nicht wünschen. Damit begann ein innerer Dialog.

Ich: "Wieso sagst du das?"
Er: "Weil es vielleicht wichtig ist, dass du dies Projekt alleine bewältigst."
Ich: "Warum könnte das von Bedeutung sein?"
Er: "Es geht ja darum, immer freier zu werden, alle Kraft aus sich selbst zu gewinnen und sich von allen Abhängigkeiten zu befreien. Vielleicht musst du jetzt beweisen, dass du es alleine schaffst."
Ich: "Hm"

Gefühle von Unwohlsein, leichter Frust. Dann:
Ich: "Aber das habe ich doch schon viele, viele Male in meinem Leben bewiesen. Ich habe doch immer alles allein gemacht. Ich glaube nicht, dass ich diesen Beweis noch einmal erbringen muss."
Er: "Aber das war doch die alte Kim. Jetzt bist du aber die neue Kim."
Ich: "War es nicht kennzeichnend für das Leben der neuen Kim, dass es hier Unterstützung gibt, anders als früher?"
Jetzt er: "Hm"
Schutzengel flüstert: "Wie fühlt es dich denn an, wenn du dir Unterstützung vorstellst?"

Kleine Einsichtsexplosion. Buuum!
Ich: "Es fühlt sich total richtig an, so was von richtig, also so was von richtig, genau richtig. Ganz genau richtig".
Was sich dermaßen richtig anfühlt, kann unmöglich falsch sein. Aus dieser ewigen Einzelkämpferei kann nichts entstehen, alle Kräfte werden verschwendet, laufen gegen die Wand, werden sinnlos aufgebraucht. Ich fühle, wie Dinge machbar werden, eine Chance bekommen zu wachsen, zu gedeihen, andere zu inspirieren, wenn es Unterstützung und Gemeinsamkeit gibt".
"Danke Engel. Vielen, vielen Dank."
Schutzengel: "hi hi, ... äh ehem."

Also habe ich mir das für heute gewünscht. Ich wünsche mir echte Unterstützung für das Café Projekt. Und eben hat die Glocke gebimmelt, als ich unerwartet ein Päckchen bekam. Dann wird nun etwas auf mich zukommen. Ich bin gespannt und halte euch auf dem Laufenden.
Wir immer mit unserem inneren Moralapostel! Selbst wenn man bereits genau weiß, dass der Moralapostel nie Recht hat, ist es trotzdem schwierig, ihm nicht zu glauben.













Dienstag, 1. August 2017

Sieben Raben und ein fliegendes Hemd

29.7.2017 
So langsam zieht sich die Schraube enger um mich. Immer öfter wache ich nachts auf und fühle Angst. Ich habe Angst, es nicht zu schaffen, Angst zu versagen, Angst es nicht bewältigen zu können. Das ist an und für sich gar nicht weiter schlimm. Das gehört einfach dazu. Bodo Schäfer sagt zu diesem Thema: "Wenn du vor einem neuen Schritt keine Angst hast, dann war der Schritt wohl zu klein." Selbstverständlich akzeptiere ich das auch. Okay, ich mache einen neuen Schritt, ich eröffne ein Café und das macht mir Angst. Es ist nur ein klein wenig unfair, dass ich meine "Angst-davor" so lange haben muss.


Nun zieht sich das ganze schon so lange hin und ein neuer Eröffnungstermin ist noch nicht im Sicht. Wenn es tatsächlich noch bis Oktober dauert, dann war es insgesamt ganz genau ein Jahr. So viel Vorlaufzeit hat man normalerweise nicht vor einem neuen Schritt. Aber nun ja, ist halt so. Unten gehen die Renovierungen weiter. Das ganze Haus gleicht einem Bienenstock. Tagsüber tummeln sich hier alle Arten von Handwerkern: Dachdecker, Fliesenleger, Türen- und Fenstereinsetzer, Maurer, Trockenbauer, Klempner, Elektriker und was weiß ich nicht alles. Von allen Seiten und aus allen Richtungen höre ich Bohren, Brummen, Klopfen, Rasseln, Hämmern und Schleifen.


Im Café sind inzwischen die Wände verputzt und die Stromleitungen verlegt, ebenso wie die Wasserleitungen. Die neuen Fenster sind noch nicht eingesetzt und die Fliesen sind auch noch nicht platziert. Es soll noch jemand kommen, der den Stuck erneuert, dann wird die Decke verputzt. Der Türen sind auch noch nicht eingebaut. aber ich habe hier oben in meiner Wohnung ein neues Türschloss bekommen. Jetzt kann ich mich nicht mehr versehentlich selbst einsperren. Trotz des handwerklichen Eifers dauert alles seine Zeit und die ist länger als erwartet.

Unterdessen bemühe ich mich, alles zusammen zu tragen und zusammen zu halten. Einiges fällt mir immer wieder auseinander. So ist der junge Mann, der die Möbel lackieren soll, dreimal hintereinander zum verabredeten Termin nicht aufgetaucht. Ein sehr lieber alter Herr hat mit im Hinterzimmer die Vorhänge angebracht. Allerdings war er von jener Sorte, die nicht ohne Handlanger auskommen können. Ratet mal, wer da wohl der Handlanger war. Ich natürlich. Dreieinhalb Stunden lang habe ich ihm Schrauben gereicht, die Leiter festgehalten und andere Aufgaben erfüllt.

Eigentlich war ich mit Nadine verabredet, aber es hat so lange gedauert, dass wir das knicken konnten. Dafür habe ich jetzt aber endlich schöne Vorhänge an den brandneuen Fenstern. Vorher waren da so fiese Lamellen, die noch vom Vormieter stammten. Man konnte sie nicht mehr auf und zu machen, weil sie kaputt waren. Ich hatte mir fest vorgenommen, sie zu ersetzen, sobald die neuen Fenster drin sind.

Jetzt im Moment läuft hier in meiner Wohnung gerade das Meisterseminar. Es gibt eine kleine Gruppe von Freunden, die sich immer noch alle drei, vier Monate hier trifft, um ein Seminar zur Persönlichkeitsentwicklung abzuhalten. Das Thema diesmal: Das Koan deines Lebens. Jeder von uns hat ein persönliches Kernthema, ein Thema, das immer wieder auftaucht trotz aller Arbeit daran. jeder aus der gruppe hat in den letzten zehn, zwölf Jahren schon sehr viel daran gearbeitet. diesmal versuchen wir etwas ganz anderes als sonst.

ein Koan ist eine Meditationsaufgabe, eine Art Rätsel, auf das es keine rationale Antwort gibt und auch nicht geben soll. Es geht darum, jene rationalen, methodischen, zielorientieren Pfade zu verlassen und auch die Kontrolle über den Wachstumsprozess aufzugeben, um in jene Bereiche zu gelangen, die wir sonst kaum jemals betreten, in denen Logik nicht mehr funktioniert. Nicht zielorientiert, nicht leistungsorientiert, unkontrolliert, verwegen, furios, verblüffend, verrückt, wunderschön und ohne schön sein zu wollen, vollkommen und vollkommen irrsinnig, kreativ und unsinnig zu erleben, alles zu tun und zugleich nichts zu tun, zu sein.

Da wir so noch nicht gearbeitet haben, ist es natürlich schwer für die Teilnehmer. Aber wir haben viel Spaß. Bei der Recherche für diese Übung habe ich einen netten Witz aufgeschnappt. Unter Schamanen geht der Witz so:
Wie viele Schamanen braucht man um eine Glühbirne auszuwechseln?
Einen, aber die Glühbirne muss es wirklich wollen.
Und unter Zen Buddhisten geht der Witz so:
Wie viele Zen Mönche braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?
Zwei, einen zum Wechseln und einen zum nicht Wechseln.

Die Teilnehmer sind jetzt gerade dabei, das Koan ihres Lebens fühlend zu erfassen. Ich sitze derweil hier am PC und schreibe ein wenig. Ich erfasse sowieso immer alles fühlend.
Hier im Raum herrscht ein Chaos. Zum einen, weil ich hier noch nicht wirklich aufräumen kann. Wenn die Renovierung unten fertig ist, dann kann ich einiges nach unten auslagern, was sich hier um mich herum türmt, die Kisten mit den zum Verkauf bestimmten Büchern zum Beispiel, die Kisten mit den CDs und den Heften. Und außerdem übernachten Jana und Manfred in diesem Zimmer und haben hier ihr Bett aufgeschlagen und alle ihre Sachen stehen hier herum.

Das neue Schlafsofa kommt offenbar gut an. Jana ist gestern schon beim Fernsehen dauernd darauf eingeschlafen. Vorhin während des Seminars ging plötzlich erst mein rechtes Ohr zu und dann so nach einer Stunde auch das linke. Das ist natürlich echt blöde in einem Seminar, das ich selber gerade gebe. Ich hatte das schon einmal und da riet mir eine Ärztin, ich solle viel Wasser trinken. So etwas könne auch zu hoher Blutdruck sein. Ich trank drei große Gläser Wasser aus, aber es wurde eher schlechter. Dann bin ich in der Mittagspause mit dem Fahrrad zur Apotheke gefahren.

Die Apothekerin hat meinen Blutdruck gemessen und der war gar nicht hoch. Nanu! Sie gab mir ein Beruhigungsmittel mit Lavendel. Im Restaurant trank ich noch ein riesiges Glas Wasser aus und als ich dann hier wieder ankam, war das Ohr wieder frei. Warum auch immer. Das ist besser. Ich konnte die anderen gar nicht mehr verstehen, weil mein Ohr so zu war. Irgendwas ist ja immer. Jetzt vernehme ich keine Geräusche mehr aus der Küche. Es könnte sein, dass die Teilnehmer mit der Übung fertig sind. Da muss ich mal nachschauen.

Das Seminar entwickelt sich richtig toll. Den ersten Teil des Samstags haben wir Übungen dazu gemacht, mehr über jene spezielle Kraft herauszufinden, die uns das Koan unseres Lebens aufgedrückt hat. Jeder hat ein eigenes Brettspiel auf einem Mensch ärgere dich nicht Brett entworfen, dessen Regeln sein Lebenskoan nachspielen. Dies diente dazu, das eigene Koan so tief, wie nur möglich zu verstehen in seiner ganzen Unauflöslichkeit.
Dann schrieben wir jeder ein Gedicht darüber. Hier ist meines:

Oh welch ein genialer Geist
mir hier meine Wege weist.
In Wunderwelten, Wahnsinnsschluchten
er und ich nach Zielen suchten
Durch Labyrinthe Geist und Grimm
führt der wahre Weg zu Kim

Heute Morgen dann sind wir alle in Gestalt der inneren Meister ins Seminar gekommen, die unser jeweiliges Lebenskoan aufgerichtet haben.


Wir haben uns in dieser Gestalt auch Namen gegeben, haben Fotos gemacht und jeder einzelne Meister hat zu den anderen darüber gesprochen, wie und warum er jene spezielle karmische Lebenssituation erschaffen hat und aufrecht erhält. Eine Gespräch unter hohen Meistern. Dann sind wir noch weiter gegangen und haben uns vorgestellt, wir könnten das Blatt wenden. Während es vorher die Kim war, die das Leben lebte und Wallihalla war die Meisterin, die verborgen in der Tiefe das Koan aufrecht erhielt, ist es nun Wallihalla, die ein Leben bekommt und Kim wird zur Meisterin in der Tiefe der Seele.

Das war ganz klar die absolute Star Übung des Seminar. Wir haben faszinierende Einsichten aus dieser Übung bezogen. Aus dieser Perspektive waren Erkenntnisse und Einsichten möglich, die wir anders gar nicht hätten haben können. Ich habe zum Beispiel erkannt, dass ich immer schon eine Siegerin war und nie die Loserin, für die ich mich oft hielt. Es ist nur eine Frage der Perspektive. Die Teilnehmer sind aber wirklich auch schon extrem fortgeschritten. Sie konnten mit dieser Übung wirklich umgehen und damit spielen.

Jetzt im Moment machen wir gerade etwas Neues. Wir betreten unser Leben noch einmal durch eine andere Tür, durch eine Tür, die wir bisher nicht gewählt hatten. Was wäre wenn...
Was wäre wenn mein Vater ein Filmemacher gewesen wäre, der mein großes Interesse an Filmen von Anfang an erkannt und gefördert hätte, statt es zu verurteilen? Schon als Kind hätte ich mit ihm und seinen Filmfreunden zusammen auf dem Sofa gesessen und wir hätte die Filme angeschaut, die sie selbst gemacht hätten oder die ihnen besonders inspirierend erschienen. Ich hätte die Kommentare mitgehört, die sie dazu gemacht hätten über Kameraeinstellungen, Regieanweisungen, Szenenwechsel und Szenenspiel, Schnitt und Requisite.


Wusstet ihr zum Beispiel, dass es eine Bedeutung hat, wenn in dem Film "High Noon" der Richter die Fahne von seiner Wand abnimmt, während er mit dem Sherif spricht? Ist euch je aufgefallen, wie faszinierend in dem Film "Terminator" mit der Hintergrundmusik gearbeitet wird? Da gibt es immer wieder Stellen, in denen ganz im Hintergrund ein leises Hämmern zu hören ist. Dieses leise Hämmern ist wie das Schlagen des Schicksals. Über solche Kunstgriffe wäre gesprochen worden. Ich wäre in diese Künstlerszene hineingewachsen.

Sehr bald hätte ich Interesse entwickelt, mich selbst auch mal filmisch zu versuchen. Vielleicht wäre ich auch in den Ferien in das Jugendfilmcamp Arendsee gefahren und hätte dort mit anderen interessierten Jugendlichen zusammen mehr über das Filmen gelernt. Vielleicht hätte ich irgendwann einmal einen Preis gewonnen oder einen Film hergestellt, der anderen besonders gut gefällt. Vielleicht hätte ich Film studiert und ein Stipendium bekommen. Mein großes Interesse an der Materie mit all ihren Facetten wäre mir eine Quelle beständiger Begeisterung gewesen. Vermutlich würde ich dann heute in irgendeiner Weise in der Filmbranche arbeiten. Statt einiger Bücher von mir würde es dann Filme von mir geben.

Es ist schön, sich das vorzustellen und es dann in Form einer Visionsreise sich selbst erleben zu lassen. Es öffnet Türen in uns und bewirkt, dass wir Zugang zu inneren Quellen bekommen, die wir zuvor nicht kannten. Ich vermute, meine Leben wäre nicht besser gewesen, nur anders, einfach nur anders. Ich kann mich selbst erweitern um die komplette Facette Film und bin dann mehr als zuvor.
Das ist eine tolle Übung. Aber wir sind noch einen Schritt weiter gegangen. Im Anschluss an diese Übung haben wir als letzte Herausforderung des Seminars etwas produziert.

Jeder wählte sich eine Profession, zu der er oder sie ein Talent besitzt, das nie genutzt wurde. Dann hatten wir eineinhalb Stunden Zeit, um etwas zu produzieren. Es fügte sich, dass mehrere von uns am gleichen Projekt arbeiten wollten. Jana wollte gern etwas Dramatisches spielen, ich wollte Regie führen, Manfred und Niels wollten tanzen und Heinrich wollte trommeln. Es war natürlich klar, dass wir in der kurzen Zeit bestenfalls eine einzige Szene inszenieren konnten. Jana schlug die sieben Raben vor. Wir wählten die Schlussszene aus.

Requisiten hatten wir so gut wie keine. Wir gingen dann nach unten in die Baustelle, aus der das Café werden soll und verwendeten, was wir dort so fanden als Kulisse. Das fügte sich ganz toll. Es war auch eine großartige Zusammenarbeit. Jeder hatte gute Ideen und brachte sie ein. So war es zum Beispiel Heinrichs Idee, dass das Mädchen am Ende das Hemd in die Luft wirft. Ich hatte eigentlich gedacht, sie soll es dem Raben-Bruder quasi so mit letzter Geste zuwerfen, aber Heinrichs Idee gefiel mir dann spontan besser. Schließlich fliegen die Raben ja auch in der Luft. Sie wirft das Hemd also in die Luft und Manfred, der die sieben Raben verkörpert, fängt es dann.

Für ihn hatte ich die (etwas rudimentäre) Regieanweisung gegeben: Sieh zu, dass du dann irgendwie elegant in das Hemd rein kommst. Es war ja viel zu wenig Zeit für eine Choreographie. Mit Jana habe ich ein wenig choreographiert, wie sie auf das Baugerüst kommen soll. Das hat sie ganz toll gemacht, finde ich. In der Geschichte geht es um sieben Brüder, der verflucht wurden und sich in Raben verwandelten (alle getanzt von Manfred). Nur ihre Schwester kann sie erlösen, indem sie ihnen sieben Nesselhemden herstellt und dabei kein Wort spricht. Während sie das tut, wird sie verraten und hintergangen und schließlich der Hexerei angeklagt und zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt, wo sie noch immer verzweifelt an dem letzten Hemd arbeitet.

Erst als die Flammen schon empor züngeln ist das Werk vollendet. Sie darf wieder sprechen. Sie wirft die Hemden über die Raben, die daraufhin wieder zu ihren Brüdern werden und die Wahrheit kommt ans Licht. Schaut es euch mal an, hier ist es:

Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viel Spaß uns das gemacht hat und wie zutiefst inspirierend das für uns war. Wir wollen uns jetzt erneut treffen und so etwas noch einmal machen. Diesmal wollen mindestens zwei weitere Personen sich uns anschließen. Es hat echt Spaß gemacht, Regie zu führen. Heike hat schon gesagt, dass sie nächstes Mal die Kamera übernehmen will. Das ist sehr gut, denn darin bin ich nicht besonders gut. Wir hatten nur niemanden dafür mehr übrig.

eigentlich wollte ich auch eine Nahaufnahme von der Szene machen, wo Jana den Faden durchbeißt. Das letzte Hemd ist fertig, der Faden wird durchgebissen, wie Schneiderinnen das früher immer machten, die Trommel schweigt. Erschüttert sammelt sich die Frau und gebiert ihr erstes Wort nach sieben Jahren. Die Szene hätte mehr Aufmerksamkeit verdient, aber Niels war mir immer im Bild und es war absolut keine Zeit mehr für eine weitere Probe. Niels musste ganz dringend zum Zug, um nach Hause zu fahren. Trotzdem finde ich unsere Szene wirklich mitreißend.