Dienstag, 1. August 2017

Sieben Raben und ein fliegendes Hemd

29.7.2017 
So langsam zieht sich die Schraube enger um mich. Immer öfter wache ich nachts auf und fühle Angst. Ich habe Angst, es nicht zu schaffen, Angst zu versagen, Angst es nicht bewältigen zu können. Das ist an und für sich gar nicht weiter schlimm. Das gehört einfach dazu. Bodo Schäfer sagt zu diesem Thema: "Wenn du vor einem neuen Schritt keine Angst hast, dann war der Schritt wohl zu klein." Selbstverständlich akzeptiere ich das auch. Okay, ich mache einen neuen Schritt, ich eröffne ein Café und das macht mir Angst. Es ist nur ein klein wenig unfair, dass ich meine "Angst-davor" so lange haben muss.


Nun zieht sich das ganze schon so lange hin und ein neuer Eröffnungstermin ist noch nicht im Sicht. Wenn es tatsächlich noch bis Oktober dauert, dann war es insgesamt ganz genau ein Jahr. So viel Vorlaufzeit hat man normalerweise nicht vor einem neuen Schritt. Aber nun ja, ist halt so. Unten gehen die Renovierungen weiter. Das ganze Haus gleicht einem Bienenstock. Tagsüber tummeln sich hier alle Arten von Handwerkern: Dachdecker, Fliesenleger, Türen- und Fenstereinsetzer, Maurer, Trockenbauer, Klempner, Elektriker und was weiß ich nicht alles. Von allen Seiten und aus allen Richtungen höre ich Bohren, Brummen, Klopfen, Rasseln, Hämmern und Schleifen.


Im Café sind inzwischen die Wände verputzt und die Stromleitungen verlegt, ebenso wie die Wasserleitungen. Die neuen Fenster sind noch nicht eingesetzt und die Fliesen sind auch noch nicht platziert. Es soll noch jemand kommen, der den Stuck erneuert, dann wird die Decke verputzt. Der Türen sind auch noch nicht eingebaut. aber ich habe hier oben in meiner Wohnung ein neues Türschloss bekommen. Jetzt kann ich mich nicht mehr versehentlich selbst einsperren. Trotz des handwerklichen Eifers dauert alles seine Zeit und die ist länger als erwartet.

Unterdessen bemühe ich mich, alles zusammen zu tragen und zusammen zu halten. Einiges fällt mir immer wieder auseinander. So ist der junge Mann, der die Möbel lackieren soll, dreimal hintereinander zum verabredeten Termin nicht aufgetaucht. Ein sehr lieber alter Herr hat mit im Hinterzimmer die Vorhänge angebracht. Allerdings war er von jener Sorte, die nicht ohne Handlanger auskommen können. Ratet mal, wer da wohl der Handlanger war. Ich natürlich. Dreieinhalb Stunden lang habe ich ihm Schrauben gereicht, die Leiter festgehalten und andere Aufgaben erfüllt.

Eigentlich war ich mit Nadine verabredet, aber es hat so lange gedauert, dass wir das knicken konnten. Dafür habe ich jetzt aber endlich schöne Vorhänge an den brandneuen Fenstern. Vorher waren da so fiese Lamellen, die noch vom Vormieter stammten. Man konnte sie nicht mehr auf und zu machen, weil sie kaputt waren. Ich hatte mir fest vorgenommen, sie zu ersetzen, sobald die neuen Fenster drin sind.

Jetzt im Moment läuft hier in meiner Wohnung gerade das Meisterseminar. Es gibt eine kleine Gruppe von Freunden, die sich immer noch alle drei, vier Monate hier trifft, um ein Seminar zur Persönlichkeitsentwicklung abzuhalten. Das Thema diesmal: Das Koan deines Lebens. Jeder von uns hat ein persönliches Kernthema, ein Thema, das immer wieder auftaucht trotz aller Arbeit daran. jeder aus der gruppe hat in den letzten zehn, zwölf Jahren schon sehr viel daran gearbeitet. diesmal versuchen wir etwas ganz anderes als sonst.

ein Koan ist eine Meditationsaufgabe, eine Art Rätsel, auf das es keine rationale Antwort gibt und auch nicht geben soll. Es geht darum, jene rationalen, methodischen, zielorientieren Pfade zu verlassen und auch die Kontrolle über den Wachstumsprozess aufzugeben, um in jene Bereiche zu gelangen, die wir sonst kaum jemals betreten, in denen Logik nicht mehr funktioniert. Nicht zielorientiert, nicht leistungsorientiert, unkontrolliert, verwegen, furios, verblüffend, verrückt, wunderschön und ohne schön sein zu wollen, vollkommen und vollkommen irrsinnig, kreativ und unsinnig zu erleben, alles zu tun und zugleich nichts zu tun, zu sein.

Da wir so noch nicht gearbeitet haben, ist es natürlich schwer für die Teilnehmer. Aber wir haben viel Spaß. Bei der Recherche für diese Übung habe ich einen netten Witz aufgeschnappt. Unter Schamanen geht der Witz so:
Wie viele Schamanen braucht man um eine Glühbirne auszuwechseln?
Einen, aber die Glühbirne muss es wirklich wollen.
Und unter Zen Buddhisten geht der Witz so:
Wie viele Zen Mönche braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?
Zwei, einen zum Wechseln und einen zum nicht Wechseln.

Die Teilnehmer sind jetzt gerade dabei, das Koan ihres Lebens fühlend zu erfassen. Ich sitze derweil hier am PC und schreibe ein wenig. Ich erfasse sowieso immer alles fühlend.
Hier im Raum herrscht ein Chaos. Zum einen, weil ich hier noch nicht wirklich aufräumen kann. Wenn die Renovierung unten fertig ist, dann kann ich einiges nach unten auslagern, was sich hier um mich herum türmt, die Kisten mit den zum Verkauf bestimmten Büchern zum Beispiel, die Kisten mit den CDs und den Heften. Und außerdem übernachten Jana und Manfred in diesem Zimmer und haben hier ihr Bett aufgeschlagen und alle ihre Sachen stehen hier herum.

Das neue Schlafsofa kommt offenbar gut an. Jana ist gestern schon beim Fernsehen dauernd darauf eingeschlafen. Vorhin während des Seminars ging plötzlich erst mein rechtes Ohr zu und dann so nach einer Stunde auch das linke. Das ist natürlich echt blöde in einem Seminar, das ich selber gerade gebe. Ich hatte das schon einmal und da riet mir eine Ärztin, ich solle viel Wasser trinken. So etwas könne auch zu hoher Blutdruck sein. Ich trank drei große Gläser Wasser aus, aber es wurde eher schlechter. Dann bin ich in der Mittagspause mit dem Fahrrad zur Apotheke gefahren.

Die Apothekerin hat meinen Blutdruck gemessen und der war gar nicht hoch. Nanu! Sie gab mir ein Beruhigungsmittel mit Lavendel. Im Restaurant trank ich noch ein riesiges Glas Wasser aus und als ich dann hier wieder ankam, war das Ohr wieder frei. Warum auch immer. Das ist besser. Ich konnte die anderen gar nicht mehr verstehen, weil mein Ohr so zu war. Irgendwas ist ja immer. Jetzt vernehme ich keine Geräusche mehr aus der Küche. Es könnte sein, dass die Teilnehmer mit der Übung fertig sind. Da muss ich mal nachschauen.

Das Seminar entwickelt sich richtig toll. Den ersten Teil des Samstags haben wir Übungen dazu gemacht, mehr über jene spezielle Kraft herauszufinden, die uns das Koan unseres Lebens aufgedrückt hat. Jeder hat ein eigenes Brettspiel auf einem Mensch ärgere dich nicht Brett entworfen, dessen Regeln sein Lebenskoan nachspielen. Dies diente dazu, das eigene Koan so tief, wie nur möglich zu verstehen in seiner ganzen Unauflöslichkeit.
Dann schrieben wir jeder ein Gedicht darüber. Hier ist meines:

Oh welch ein genialer Geist
mir hier meine Wege weist.
In Wunderwelten, Wahnsinnsschluchten
er und ich nach Zielen suchten
Durch Labyrinthe Geist und Grimm
führt der wahre Weg zu Kim

Heute Morgen dann sind wir alle in Gestalt der inneren Meister ins Seminar gekommen, die unser jeweiliges Lebenskoan aufgerichtet haben.


Wir haben uns in dieser Gestalt auch Namen gegeben, haben Fotos gemacht und jeder einzelne Meister hat zu den anderen darüber gesprochen, wie und warum er jene spezielle karmische Lebenssituation erschaffen hat und aufrecht erhält. Eine Gespräch unter hohen Meistern. Dann sind wir noch weiter gegangen und haben uns vorgestellt, wir könnten das Blatt wenden. Während es vorher die Kim war, die das Leben lebte und Wallihalla war die Meisterin, die verborgen in der Tiefe das Koan aufrecht erhielt, ist es nun Wallihalla, die ein Leben bekommt und Kim wird zur Meisterin in der Tiefe der Seele.

Das war ganz klar die absolute Star Übung des Seminar. Wir haben faszinierende Einsichten aus dieser Übung bezogen. Aus dieser Perspektive waren Erkenntnisse und Einsichten möglich, die wir anders gar nicht hätten haben können. Ich habe zum Beispiel erkannt, dass ich immer schon eine Siegerin war und nie die Loserin, für die ich mich oft hielt. Es ist nur eine Frage der Perspektive. Die Teilnehmer sind aber wirklich auch schon extrem fortgeschritten. Sie konnten mit dieser Übung wirklich umgehen und damit spielen.

Jetzt im Moment machen wir gerade etwas Neues. Wir betreten unser Leben noch einmal durch eine andere Tür, durch eine Tür, die wir bisher nicht gewählt hatten. Was wäre wenn...
Was wäre wenn mein Vater ein Filmemacher gewesen wäre, der mein großes Interesse an Filmen von Anfang an erkannt und gefördert hätte, statt es zu verurteilen? Schon als Kind hätte ich mit ihm und seinen Filmfreunden zusammen auf dem Sofa gesessen und wir hätte die Filme angeschaut, die sie selbst gemacht hätten oder die ihnen besonders inspirierend erschienen. Ich hätte die Kommentare mitgehört, die sie dazu gemacht hätten über Kameraeinstellungen, Regieanweisungen, Szenenwechsel und Szenenspiel, Schnitt und Requisite.


Wusstet ihr zum Beispiel, dass es eine Bedeutung hat, wenn in dem Film "High Noon" der Richter die Fahne von seiner Wand abnimmt, während er mit dem Sherif spricht? Ist euch je aufgefallen, wie faszinierend in dem Film "Terminator" mit der Hintergrundmusik gearbeitet wird? Da gibt es immer wieder Stellen, in denen ganz im Hintergrund ein leises Hämmern zu hören ist. Dieses leise Hämmern ist wie das Schlagen des Schicksals. Über solche Kunstgriffe wäre gesprochen worden. Ich wäre in diese Künstlerszene hineingewachsen.

Sehr bald hätte ich Interesse entwickelt, mich selbst auch mal filmisch zu versuchen. Vielleicht wäre ich auch in den Ferien in das Jugendfilmcamp Arendsee gefahren und hätte dort mit anderen interessierten Jugendlichen zusammen mehr über das Filmen gelernt. Vielleicht hätte ich irgendwann einmal einen Preis gewonnen oder einen Film hergestellt, der anderen besonders gut gefällt. Vielleicht hätte ich Film studiert und ein Stipendium bekommen. Mein großes Interesse an der Materie mit all ihren Facetten wäre mir eine Quelle beständiger Begeisterung gewesen. Vermutlich würde ich dann heute in irgendeiner Weise in der Filmbranche arbeiten. Statt einiger Bücher von mir würde es dann Filme von mir geben.

Es ist schön, sich das vorzustellen und es dann in Form einer Visionsreise sich selbst erleben zu lassen. Es öffnet Türen in uns und bewirkt, dass wir Zugang zu inneren Quellen bekommen, die wir zuvor nicht kannten. Ich vermute, meine Leben wäre nicht besser gewesen, nur anders, einfach nur anders. Ich kann mich selbst erweitern um die komplette Facette Film und bin dann mehr als zuvor.
Das ist eine tolle Übung. Aber wir sind noch einen Schritt weiter gegangen. Im Anschluss an diese Übung haben wir als letzte Herausforderung des Seminars etwas produziert.

Jeder wählte sich eine Profession, zu der er oder sie ein Talent besitzt, das nie genutzt wurde. Dann hatten wir eineinhalb Stunden Zeit, um etwas zu produzieren. Es fügte sich, dass mehrere von uns am gleichen Projekt arbeiten wollten. Jana wollte gern etwas Dramatisches spielen, ich wollte Regie führen, Manfred und Niels wollten tanzen und Heinrich wollte trommeln. Es war natürlich klar, dass wir in der kurzen Zeit bestenfalls eine einzige Szene inszenieren konnten. Jana schlug die sieben Raben vor. Wir wählten die Schlussszene aus.

Requisiten hatten wir so gut wie keine. Wir gingen dann nach unten in die Baustelle, aus der das Café werden soll und verwendeten, was wir dort so fanden als Kulisse. Das fügte sich ganz toll. Es war auch eine großartige Zusammenarbeit. Jeder hatte gute Ideen und brachte sie ein. So war es zum Beispiel Heinrichs Idee, dass das Mädchen am Ende das Hemd in die Luft wirft. Ich hatte eigentlich gedacht, sie soll es dem Raben-Bruder quasi so mit letzter Geste zuwerfen, aber Heinrichs Idee gefiel mir dann spontan besser. Schließlich fliegen die Raben ja auch in der Luft. Sie wirft das Hemd also in die Luft und Manfred, der die sieben Raben verkörpert, fängt es dann.

Für ihn hatte ich die (etwas rudimentäre) Regieanweisung gegeben: Sieh zu, dass du dann irgendwie elegant in das Hemd rein kommst. Es war ja viel zu wenig Zeit für eine Choreographie. Mit Jana habe ich ein wenig choreographiert, wie sie auf das Baugerüst kommen soll. Das hat sie ganz toll gemacht, finde ich. In der Geschichte geht es um sieben Brüder, der verflucht wurden und sich in Raben verwandelten (alle getanzt von Manfred). Nur ihre Schwester kann sie erlösen, indem sie ihnen sieben Nesselhemden herstellt und dabei kein Wort spricht. Während sie das tut, wird sie verraten und hintergangen und schließlich der Hexerei angeklagt und zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt, wo sie noch immer verzweifelt an dem letzten Hemd arbeitet.

Erst als die Flammen schon empor züngeln ist das Werk vollendet. Sie darf wieder sprechen. Sie wirft die Hemden über die Raben, die daraufhin wieder zu ihren Brüdern werden und die Wahrheit kommt ans Licht. Schaut es euch mal an, hier ist es:

Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viel Spaß uns das gemacht hat und wie zutiefst inspirierend das für uns war. Wir wollen uns jetzt erneut treffen und so etwas noch einmal machen. Diesmal wollen mindestens zwei weitere Personen sich uns anschließen. Es hat echt Spaß gemacht, Regie zu führen. Heike hat schon gesagt, dass sie nächstes Mal die Kamera übernehmen will. Das ist sehr gut, denn darin bin ich nicht besonders gut. Wir hatten nur niemanden dafür mehr übrig.

eigentlich wollte ich auch eine Nahaufnahme von der Szene machen, wo Jana den Faden durchbeißt. Das letzte Hemd ist fertig, der Faden wird durchgebissen, wie Schneiderinnen das früher immer machten, die Trommel schweigt. Erschüttert sammelt sich die Frau und gebiert ihr erstes Wort nach sieben Jahren. Die Szene hätte mehr Aufmerksamkeit verdient, aber Niels war mir immer im Bild und es war absolut keine Zeit mehr für eine weitere Probe. Niels musste ganz dringend zum Zug, um nach Hause zu fahren. Trotzdem finde ich unsere Szene wirklich mitreißend.









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