9.6.2017
Heute Morgen ging es mir wieder besser. Die Kopfschmerzen sind über Nacht verschwunden. Beim Frühstück machte ich mir wieder einen Tagesplan, den ich heute so gut wie gar nicht eingehalten habe. Mein altes Orakelbuch fiel mir in die Hände. Man stellt eine Frage und klappt es dann irgendwo auf. Ich fragte nur so aus Spaß: Wie wird denn der heutige Tag so werden? Die Antwort lautet: Es wird verhindert werden. Nun ja, so im Nachhinein, kann ich das bestätigen. Es wurde verhindert, dass ich meinen Plan durchführe, was aber rein gar nichts macht.
Nach dem Kaffee ging ich dann gleich als erstes auf das Laufband und absolvierte dort meine 15 Minuten. Dann klingelte es an der Tür. Es war der Tischler, mit dem ich verabredet war. Er sollte das Aufmaß für das Podest im Café machen. Während wir unten im Café standen, gesellten sich die Elektriker zu uns und sagten: "Ach, soll da jetzt doch ein Podest hin?"
Echt, jeder ist hier gegen das Podest. Ich habe aber schon zu meinem Vermieter gesagt, ich will das unbedingt. Sonst bin ich ja in allen Punkten kompromissbereit, aber ich WILL das Podest. "Dann müssen wir das aber wissen, wegen der Steckdosen. Und wie hoch soll das sein?" Wir überlegten einen Moment zusammen und trafen dann eine Entscheidung, die René, der Tischler, aufgeschrieben hat, während ich die Zentimeterzahl schon wieder vergessen habe (Dyskalkulie, da vergisst man auch Zahlen).
Warum sind eigentlich alle gegen das Podest? Ich verstehe das nicht. Im Amadeus sind die Tische am Fenster auf dem Podest immer die, welche am schnellsten besetzt werden. Jeder will da sitzen. So wird es hier auch sein, zumal man dann auf den Bahnhof und die Gleise blicken kann. Das ist ein interessanter Ausblick. Als René wieder weg war, begab ich mich ins Büro mit der festen Absicht, heute die Buchhaltung zu machen und mich von nichts davon abhalten zu lassen. Aber wer bin ich, mich gegen die Mächte des Schicksals zu stellen? Das Orakelbuch hat ja schon gesagt, es wird verhindert werden und so war es dann auch.
Mir fiel auf, dass ich vor allem deshalb so schlecht arbeiten kann, weil es im Büro so wenig Tischfläche gibt. Mir steht hier nur ein halber Tisch zum Arbeiten zur Verfügung. Auf der anderen Hälfte stehen die beiden Drucker und der Rekorder für meine Fitness Musik. Daneben dann gleich das Laufband. Ist alles eng hier. Hinter mir steht ein Jurassic Computermonitor, so ein Riesenmonster, das ich ausgemustert habe. Da ich aber kein Auto habe und auch niemanden kenne, der mir das Ding mal nach Cheine auf den Recyclinghof fährt, steht es hier rum und nimmt Platz weg. Der Monitor ist tatsächlich so riesig, dass ich ihn selbst nicht die Treppe runtertragen kann und er ist auch zu groß, um mit dem Dreirad transportiert zu werden. Ich glaube, dafür ist er auch zu schwer.
Ich dachte so bei mir, wenn hier jetzt das Regal stünde, das ich gestern bei Netto gesehen habe, dann könnte ich ganz viel da hinein auslagern und würde hier Platz bekommen. Ich rang noch eine Weile mit mir weil, ich wollte mich doch nicht von der Büroarbeit abbringen lassen, aber dann entschied ich doch, mir schnell mal das Regal zu holen, sonst schnappt es mir noch jemand weg. Es war nämlich das letzte. Ich flitzte mit dem Dreirad los, wenn man bei der umständlichen Art, wie ich mein Dreirad heraushole von Flitzen reden kann. Zuerst muss ich die Haustür aufschließen und hinter mir wieder zu. Dann muss ich die Tür zum Schankraum aufschließen und hinter mir wieder zu. Dann muss ich die Tür zum DEVK Raum, in dem das Dreirad gerade untergebracht ist, aufschließen, das Dreirad rückwärts rausschieben und hinter mir wieder zuschließen. Dann muss ich die Tür zur Rampe aufschließen, die Flügeltür entriegeln, das System auf "Einmal aufschwingen" stellen, mit dem Rad hinausfahren und hinter mir die Flügeltür wieder verriegeln und die Türen abschließen. Der ganze Prozess dauert locker mal so 10 Minuten, nur um aus dem Gebäude zu kommen.
Aber dann flitzte ich wirklich los. Das Regal erwies sich als echt schwer. Ich schaffte es mit Müh und Not, das Paket in den Fahrradkorb zu stellen. Es kostete 17 Euro!!! Das ist ja echt nicht viel, oder? Der Kassierer fragte interessiert, ob es noch eines gäbe, aber dem war nicht so. Ein Glück, dass mir das noch keiner weggeschnappt hatte. Anschließend sauste ich schnell und zugleich sehr vorsichtig zurück zum Bahnhof, denn eigentlich ist das Dreirad mit etwas so Schwerem überladen. Zum Glück ist der Weg ja super kurz, 300 Meter oder so. Ich wollte Gottfried bitten, mir das Paket die Treppe hinauf zu tragen, doch an seiner Stelle saß ein ganz junger Mann im Fahrkartenschalter. Na gut, fragte ich eben den.
Der junge Mann trug mir dann auch wirklich das Paket mit dem Regal nach oben. Er erzählte mir, sein Name sei Ephraim und er sei die Ferienvertretung für Gottfried. Ich musste dann aber erst mal schnell los, weil ich noch eine Bankverabredung mit Nadine hatte. Ich war schon etwas zu spät, während Nadine - nanu - schon da war. Wo bleiben denn die 25 Minuten, die sie sonst immer zu spät kommt? Sie stand vor der Bank mit Sabine, Hilma und Hilmas Freund, dessen Namen ich vergessen habe. Sabine war wieder mit fliegenden Fahnen unterwegs. Wie gestern winkten wir uns nur kurz zu und weg war sie schon wieder. Die anderen beiden mussten aber auch rasch gehen zu ihren jeweiligen Terminen und wir ebenfalls.
Nach dem Banktermin gingen wir noch ins Café Holz essen. Da bekommt man nämlich auch Mittagessen und wir hatten Lust, wieder einmal etwas so richtig Deutsches zu essen. Heinrich kam nach und gesellte sich zu uns. Wir aßen alle drei Krustenbraten mit Salzkartoffeln und Rotkohl bzw. Sauerkraut. Eine Weile lang unterhielten wir uns über die gestrige Eröffnung von Heinrichs Ausstellung. Es war wohl ganz gut besucht und die Stimmung auch nicht schlecht. Wie ich hörte, hätte die Laudatio besser sein können. Tja, hätten sie mal mich gefragt. Ich kann so was ganz toll. Aber die Veranstalterin wollte jemand anderes fördern.
Ich kann wirklich ganz tolle Reden halten. Nachdem ich zum Beispiel die Beerdigungsrede für Andreas aus Altensalzwedel gehalten habe, sagte mir ein Pastor, er habe in seinem Leben schon sehr viele Beerdigungsreden mitbekommen, aber meine sei die beste, die er je gehört hätte. Na egal, ich hatte gestern ja eh Kopfschmerzen und war außerdem nicht einmal dort, was natürlich anders gewesen wäre, hätte ich einen Redeauftrag bekommen, Logisch. Heinrich und Nadine wirkten recht müde. Ist ja auch kein Wunder. Sie hatten gestern einen sehr langen Tag. Mehrere Bekannte grüßten uns im Vorübergehen, während wir vor dem Café auf den Holzbänken saßen und unser Mittagessen zu uns nahmen. Frau Holz, die Besitzerin des Cafés, ist die Schwiegermutter meines Vermieters und eine sehr nette Frau. Sie unterhielt sich noch kurz mit uns über die Fortschritte im Bahnhof und darüber wie großartig ihr Schwiegersohn ist. Dem kann ich nur beipflichten.
Nachdem wir wieder auseinander gegangen waren, fuhr ich noch etwas herum und erledigte ein paar Kleinigkeiten. Ich benötigte dringend ein Paar Turnschuhe. Durch das tägliche Laufen auf dem Laufband und das endlose Geschwinge auf dem Trampolin haben sich meine Turnschuhe so durchgelaufen, dass ich nach dem Sport immer gleich Fußschmerzen habe. Das darf nicht sein. Sport soll gesund machen, nicht kaputt. Ich wollte noch zu Deichmann, aber vorher machte ich einen kurzen Abstecher zu Fahrrad Rossi, weil mein rechter Hinterreifen so platt war. Ich dachte, vielleicht sei das Ventil undicht, aber Rossi meinte, wenn der Reifen alle vier Wochen neu aufgepumpt werden müsse, sei das völlig normal.
Mit Hochdruck pumpte er den Reifen wieder auf, was so etwa zwei Sekunden dauerte. Dafür musste ich auch nichts bezahlen. Dann konnte ich gleich weiter nach oben zur Altmark Passage, wo das Schuhgeschäft mit den günstigen Schuhen ist. Ich ließ mich zunächst ein wenig beraten, was für Turnschuhe gut für meine Zwecke sind und probierte mich dann mindestens eine Stunde lang durch die verschiedenen Turnschuhe. Es war gar nicht so einfach. Die Turnschuhe, die mir am besten gefielen, passten immer nicht so recht. Wenn die Ferse beim gehen immer im Schuh rauf und runter geht, dann ist das nicht gut und man bekommt auf die Dauer Blasen davon. Der Schuh muss fest am Fuß sitzen, ohne ihn einzuzwängen. Ich wollte vor allem auch gute Turnschuhe haben, mit Fuß Bett und so.
Da gibt es heutzutage schon die dollsten Erfindungen. Geleinlagen, Memory Foum und so weiter. Ich entschied mich schließlich für ein Paar sehr schöne Turnschuhe mit Memory Foum und sehr dicken Sohlen aus Gummi oder so, zum Reinschlüpfen ohne auf- und zuschnüren. Sie sitzen wie angegossen und fühlen sich echt gut an. Der Preis 28.90 ist ja auch nicht übel für so tolle Schuhe, oder? außerdem, was muss, das muss. Ich bin kein Schuh Junkey, ich brauchte einfach nur neue Turnschuhe.
Dann wollte ich einfach nicht nach Hause fahren. Es war so warm und so herrlich draußen. Ich fuhr also wieder einmal zu Obi und gönnte mir einen Kaffee dort. Es waren sogar einige Tische und Stühle nach draußen gestellt worden, so dass ich dort entspannt sitzen und das Wetter genießen konnte. Dabei zog sich der Himmel allerdings energisch zu, obwohl ich das doch nicht wollte. Tja, aber ich musste wohl doch nach Haus. Wieder etwas, das vom Schicksal verhindert wurde. Hier angekommen, wollte ich sofort damit beginnen, das Regal aufzubauen, aber plötzlich wurde mir schlecht. Ich merkte deutlich, das ist jetzt keine Fake Müdigkeit, ich muss mich jetzt wirklich mal ein paar Minuten hinlegen. Selina legte sich sofort zu mir. Katzen merken es immer, wenn ihr Mensch krank oder traurig ist.
Es dauerte aber nur 15 Minuten, dann ging es mir wieder besser. Ich machte mich dann an das Regal, musste aber sehr schnell kapitulieren. Trotz der einfach aussehenden Anleitung, kapierte ich nicht, was ich machen sollte. Ich rief René an. Der meinte, er könne so Ende nächster Woche mal vorbei kommen. "Waaaas?" Ich wollte das Regal doch morgen schon benutzen.
"Geht nicht, kann ich nicht, ist nicht."
So ist René. Das ist auch überhaupt nicht böse gemeint. Kein bisschen. Er ist einfach ein Mann, der wenig spricht und immer genau auf den Punkt bringt, was er will und was er nicht will. Eigentlich sehr vorbildlich nur gerade dumm für mich.
Ich durchsuchte meine Telefonlisten. Ist denn da niemand, der so was kann? Niemand den ich fragen kann? Das hat man davon, wenn man lauter Künstler und Musiker kennt. Einen Moment lang war ich echt gefrustet. Ich merkte, dass ich nicht bereit war, mich mit den Fakten abzufinden.
Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen. Von Entschlossenheit beflügelt schnappte ich mir energisch meinen Schlüsselbund vom Haken und ging hinunter auf den Busbahnhof, direkt vor meiner Haustür. Es fing gerade an sehr heftig zu gießen, aber über dem Busbahnhof ist ein Plastikdach oder vielleicht ist es auch aus Glas, keine Ahnung.
Da saßen drei junge Menschen und tranken Bier. Ich stellte mich einfach zu ihnen und fragte: "Könnt ihr ein Regal zusammen bauen?" Einer gab sich als Könner zu erkennen. Der andere, ein vielfach gepiercter junger Mann grinste fröhlich dazu. Der Freiwillige sagte, er hieße Matze und sei Handwerker, er könne solche Dinge. "Willst du dir nen Zwanni verdienen?"
"Ja, sofort, wenn du noch fünf Minuten warten kannst." Das war wegen Jenni. Jenni war das Mädel in der Runde. Ihr Bus sollte in fünf Minuten kommen, solange wollte Matze noch an ihrer Seite weilen. Sie musste schrecklich doll aufs Klo und ihr Bus würde eine Stunde lang mit ihr durch die Pampa fahren. Ich bot ihr an, ganz schnell zu mir hinauf zu flitzen, was sie dankbar annahm. Als wir wieder herunter kamen, war der Bus noch nicht da. Jenni ging zu den Jungs, ich setzte mich auf meine Treppe.
Nachdem Jenni und der Gepiercte sich verabschiedet hatten, nahm ich Matze und sein Bier mit zu mir nach oben. Wie es sich zeigte, konnte er wirklich so ein Regal zusammen bauen und das fast ohne Anleitung "Die Anleitung brauche ich nicht. Ich bin Handwerker." Er machte das wirklich sehr gut, es verzögerte sich nur immer alles, weil er mindestens genau so viel Zeit, wie er auf das Zusammenbauen des Regals verwendete, auch dazu brauchte, sich nach jedem Song von seinem Handy neue Musik herauszusuchen. Eine Stunde später war das Werk vollbracht.
Tja, DAS konnte das Schicksal nicht verhindert. Matze verabschiedete sich mit brüderlicher Umarmung glücklich mit seinem Zwanziger in der Hand.
Nun ist es schon fast 21 Uhr. Selina setzt sich immer wieder auf die Maus, um mir klar zu machen, dass es nun an der Zeit ist aufzuhören und sich zum Fernsehen hinzusetzen. Sie möchte nun auf meinen Schoß, Das ist doch ihr verbriefter Job hier in diesem Haus. Dem werde ich nun nachgeben und mich mit ihr hinsetzen.









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