17.6.2017
Eben gerade habe ich beim Frühstückskaffee prozessiert, soll heißen, mich innerlich mit einem Thema auseinandergesetzt, dass mich seit einigen Wochen schon begleitet. Dabei habe ich etwas so Grundlegendes erkannt, dass ich es hier niederschreiben möchte, damit es mir nicht wieder verloren geht. Eigentlich wollte ich meine Freundin Gitta anrufen und es ihr erzählen, aber sie ist nicht da. Sie kann ja schließlich auch nicht immer da sein. Aufschreiben ist auch gut. Es geht um die Fake Müdigkeit, von der ich schon zuvor berichtet habe, jene Müdigkeit, die mich überfällt, wenn ich allein bin und die einfach unecht ist. Fake ist übrigens englisch und bedeutet soviel wie unecht, nachgemacht. Wenn ich mich hier deutsch ausdrücken würde und sie nachgemachte Müdigkeit nennen würde, klänge das nicht so prägnant nicht so auf den Punkt gebracht wie Fake.

Die Fake Müdigkeit begleitet mich schon mein ganzes Leben und sie tritt nur ein, wenn ich allein bin, was der Hauptgrund dafür ist, dass ich ihr nicht vertraue. Echte Müdigkeit und Erschöpfung tritt ein, wenn man erschöpft ist und das kann durchaus auch in Gesellschaft oder am Arbeitsplatz sein. Aber ich erlebe es täglich, dass ich voll hoher Energie und Lebensfreude von draußen hereinkomme und Bäm! Haut's mich um. Da stimmt doch was nicht. Es erfordert kein Psychologie Studium, um zu erkennen, das hier was faul ist. Im wahrsten Sinne des Wortes faul. Etwas in mir will sich dann einfach hinlegen, will schlafen und sich um nichts mehr kümmern. Zugleich ist das aber kein schöner, entspannter oder angenehmer Zustand. Das sollte ich vielleicht mal all denen sagen, die mir immer raten, ich solle den Zustand zulassen. Das fühlt sich Scheiße an!!! Genau so gut könnt ihr mir sagen: "Ach Kim, nun lass doch mal deine Hand auf der heißen Herdplatte, erforsche diese Erfahrung".
Nein danke, macht das doch selbst. Es reicht ja, wenn ihr das erforscht. Ich halte mich dann später an eure Ergebnisse.
Ein zweites Phänomen, das mich auch mein ganzes Leben lang begleitet hat, war dieser Überschuss an Zeit. Ich bin aber nie auf die Idee gekommen, die beiden in Zusammenhang zu setzen, erst heute Morgen. Wirklich, wo die anderen immer klagen, sie hätten zu wenig Zeit, konnte ich nur die Schultern zucken, denn ich hatte die meiste Zeit meines Lebens über zu viel davon. Und diese überschüssige Zeit war stets gefüllt mit Langeweile. Es war Zeit, die ich irgendwie nicht zu nutzen wusste. Ich wollte wohl, das kann ich beschwören, aber mir fiel um's Verrecken nichts ein, was ich hätte tun können.
Jetzt möchte sicher jemand einwenden: "Aber es gibt doch so viel, was du tun könntest, mach mal dies, das und jenes..." Aber das geht nicht. Schon vor sehr langer Zeit habe ich entdeckt, dass es nur zwei Motivationen gibt, die uns Menschen dazu bringen, etwas zu tun: Wollen und Müssen. Alle anderen Motivationen lassen sich unter diese beiden unterordnen. Wir tun Dinge, weil wir sie tun wollen, oder weil wir sie tun müssen. Dabei reicht es natürlich aus, wenn wir lediglich denken, dass wir sie tun müssen. Das ist dasselbe wie müssen. In meinem Leben gab es vermutlich genau so viel Müssen wie in den Leben anderer Menschen auch. Ich bin ja nicht als reiches Kind geboren, dass nie zu arbeiten hatte. Aber es gab irgendwie nicht genügend Wollen.
Ein paar Dinge wollte ich schon und die habe ich auch immer getan. Sie konnten aber nicht die ganze Zeit ausfüllen. Aber wenn man etwas nicht tun will und auch nicht muss, dass bringt man einfach nicht die Kraft auf, es zu tun. Wer mir nicht glaubt, kann es ja mal ausprobieren. Versuche mal zum Beispiel einen Aufsatz zu schreiben, den du nicht schreiben musst und den du auch nicht schreiben willst. Probiere das mal aus und erlebe, was der Versuch mit dir macht. Ich würde mal raten, dass die allermeisten Menschen nicht imstande sind, diesen Aufsatz zu beenden. So war ich auch nicht imstande, einfach irgendetwas zu tun, um die Zeit zu füllen. Mann, was habe ich an diesem Phänomen herumgedoktert, gearbeitet und prozessiert!
Ich habe gelernt, die Zeit mit Arbeit zu füllen, was sich ja immer anbietet, wenn man selbständig ist. Wenn ich mich eher schwach fühlte, dann konnte ich immer noch Dinge tun, die mir Kraft geben, wie Rasen Mähen, Schreiben, etwas Neues für mein Projekt entwickeln. Hier war mir aber die Fake Müdigkeit ein beständiger Gegner. Kaum zu glauben, dass ich erst heute Morgen zum ersten Mal einen Zusammenhang zwischen den beiden Phänomenen gesucht habe. Jetzt sehe ich, wie die beiden immer schon Hand in Hand gearbeitet haben.
Während ich hier beständig einen Schritt nach dem anderen tue, um das Café Projekt fertig vorzubereiten, habe ich mir gedacht, dass das auch die Lösung für meine Probleme sein würde. Solange ich im Café arbeite, bin ich nicht allein, also erlebe ich dort auch keine Fake Müdigkeit. Außerdem wird mich das in Arbeit bringen, was die Zeit ausfüllt. Im Hinterkopf blieb die Erkenntnis, dass ich wieder vor dem Problem stehen werde, sobald ich zu alt geworden bin, um zu arbeiten, aber ich habe insgeheim gehofft, dass ich dann einfach schmerzlos tot umfalle.
Dann hat Gerard hier einen Stein ins Rollen gebracht.
In unseren Telefonat vor einigen Wochen sagte er voller Verständnis und Mitgefühl zu mir, er könne spüren, wie es für mich als Kind gewesen ist. Da war die kleine Kim, so voller Kraft, Talent und Lebendigkeit und niemand ist in Resonanz mit all dieser Kraft gegangen.
Dieses Wort - Resonanz - traf mich ganz tief in jenem Gespräch. Es berührte etwas in mir. Ich hätte sofort los weinen können, beherrschte mich aber bis nach dem Telefonat. Dann ging ich dem Thema nach. Er hatte absolut Recht. Niemand war auch nur im Ansatz in Resonanz mit meinen Qualitäten gegangen. Ich habe schon als kleines Kind angefangen zu schreiben. Ich schrieb Gedichte und Geschichten. Aber niemand hat sie je gelesen. Mein etwas ausgeufertes Märchen hat meine Klassenlehrerin vor der Klasse zerrissen. In meinen Aufsätzen zählten nur die Fehler. Damit sind sie allerdings alle in Resonanz gegangen. Ich war hochmusikalisch, bekam aber keinen Musikunterricht. Ich war fasziniert von den antiken Dramen und Theaterstücken, aber niemand redete mit mir darüber. Im Gegenteil, ich musste sie an den Sonntag Morgenden heimlich im Fernsehen sehen, weil mir fernsehen verboten war.
Auch das Lesen von Kinderbüchern, das meine Phantasie beflügelte, war mir strickt verboten. Ich las sie dennoch, aber heimlich und allein. Ich war auch immer sehr tanzbegabt, durfte aber nicht zum Ballett. In all den Jahren hatte ich es immer so gesehen, dass mich halt niemand gefördert hat. Gerard zeigte mir eine ganz andere Facette: Es geht nicht immer nur um Förderung, um Ausbeutung eines Talentes, es geht auch um Freude.
Es hat sich niemand an mir erfreut.
Ich schreibe dies hier ohne Vorwurf, denn es geht mir nicht darum, meinen Eltern irgendetwas vorzuwerfen. Sie waren Kinder ihrer Zeit, Kriegskinder. Sie hatten es verdammt schwer, vor allem mein Vater, der auf der Flucht mit seiner Mutter Dinge erlebt hat, die so unfassbar schrecklich waren, dass ich kaum weiß, wie seine Seele das überstehen konnte.
Es geht nicht darum, dass sie etwas falsch gemacht haben. Mir geht es hier nur darum, was genau mit mir passiert ist. Heute Morgen erst habe ich das begriffen.
In den letzten Wochen seit dem Telefonat mit Gerard habe ich fleißig (oh wie typisch) daran gearbeitet, mich an mir selbst zu erfreuen. Ich wollte einfach nachholen, was versäumt worden war. Dann ist eine kleine, aber mich faszinierende Sache passiert. Nadine und ich, wir haben ja zusammen einen kleinen Volkshochschul Kurs im Trommeln bei Uri gemacht. Es waren sechs Stunden, in denen wir die Grundlagen lernten. Wir hatten beide viel Spaß daran und erwiesen und beide als ziemlich talentiert. Eigentlich waren wir zu dritt, aber die dritte Frau scheint leider abgesprungen zu sein. Schade.
Uri war anfangs völlig überrumpelt von unserem Talent. Offenbar hat er in seinen vergangenen Kursen wohl einige echt unbegabte Teilnehmer erlebt. Gleich in der ersten Stunde waren wir schon nach zwanzig Minuten mit dem Programm fertig, weil wir sofort konnten, was er langwierig mit uns zu üben vorgehabt hatte. Das wiederholte sich jedes Mal. Ich hab schon gedacht, er schummelt und sagt das nur, um uns zu motivieren. Dann war der Kurs zu Ende und wir gingen in einen seiner anderen Kurse, wo ich aber nur ein einziges Mal war. Dann habe ich dreimal hintereinander gefehlt, einmal, weil ich in Hamburg operiert wurde, dann weil ich noch rekonvaleszent war und beim dritten Mal hatte ich Kopfschmerzen. Dann hatte Uris Trommelband einen Auftritt auf der KLP.

Heinrich ist in der Gruppe, sie heißt "Die Takadimis". KLP ist immer schön, deshalb fuhren Nadine und ich mit. Vor dem Auftritt trafen sich einige Mitglieder der Takadimis um zusammen zu üben und sie luden uns ein, mit zu machen. Dann kam der Auftritt der Gruppe und eine Stunde später gleich noch ein spontaner Auftritt. Nadine und ich wurden von der Gruppe gefragt, ob wir nicht mit trommeln wollten. Das kam tatsächlich von der Gruppe, nicht von Uri. Ich sah, dass er eher schmerzlich das Gesucht verzog. Er will, dass die Takadimis professionell rüberkommen und nicht wie eine marode Truppe von Losern. Aber er widersprach auch nicht und so machten Nadine und ich einfach ein wenig mit.

Wir kannten ja eigentlich die Lieder nicht so richtig. Wir kannten zwar die meisten der Trommelschläge, aber die ganzen Breaks und den Aufbau kannten wir nicht. Ich saß direkt neben Heinrich und Nadine neben mir. Er gab uns immer Zeichen, was sehr hilfreich war. Wir beobachteten die anderen und trommelten es ihnen nach und überall, wo wir unsicher waren, da ließen wir unsere Trommeln lieber ruhen, um keine Fehler zu machen. Es hat Spaß gemacht.
Dann, am letzten Mittwoch bekam ich eine Whatsapp von Uri, ob ich abends zum Trommeln kommen kann. Mittwoch war eigentlich nicht als Trommeltag geplant, aber ich hatte Zeit (wie immer) und sagte zu.
Es entpuppte sich als Einzelstunde, in der mir Uri auf die Schnelle so viel wie möglich auf den Bass Trommeln beibringen wollte, damit ich am Samstag - das ist heute - bei einem Auftritt in Benkendorf die Basstrommel übernehmen kann. Das kam wirklich überraschend, zumal es mit mir gar nicht abgesprochen war. Einfach mal eben so bin ich plötzlich Mitglied der Takadimis. Nadine war ebenfalls zu dieser Stunde eingeladen gewesen, aber sie konnte nicht kommen, weil der Wagen und Winnen Verein am selben Abend tagte. Es hat viel Spaß gemacht. Anschließend hat Uri noch drei Trommeln zu mir nach Haus gebracht, damit ich üben kann. Es sind zwar nicht die eigentlich richtigen Trommeln, aber sie reichen als Übungsobjekte aus.
Nur so ganz nebenbei bemerkt zu einem ganz anderen Thema: Damit hat sich alles verwirklicht, was ich am Karfreitag "hellgesehen" habe. Ich bin keine Hellseherin und strebe auch nicht danach, eine zu sein, aber letzten Karfreitag waren die Wände zwischen den Dimensionen plötzlich ganz dünn, so dass ich Zugang hatte zu Informationen, die meine Zukunft betrafen. Nichts Wichtiges, nur sah ich, dass Nadine wieder in das Café Projekt zurückkehren wird - was sie inzwischen getan hat und dass mir Trommeln zum Üben zur Verfügung stehen werden, wenn ich sie brauche.
Donnerstag konnte ich erst mal nicht üben, weil es zu viele Termine an dem Tag gab, aber gestern habe ich den ganzen Tag geübt und heute werde ich noch weiter damit machen. Der Auftritt in Benkendorf ist erst heute Abend um 20 Uhr. Als ich gestern mit dem Fahrrad vom Zahnarzt kam und meine Gedanken zu diesen Ereignissen wanderte, da erkannte ich plötzlich:
Uri und die Takadimis sind in Resonanz mit meiner musikalischen Qualität gegangen!!!!!!
Wow! So fühlt sich das also an. Ist ja echt interessant. Es ist anders, als wenn man für seine Leistung gelobt wird. Es ist nicht nur einfach, dass jemand sagt:" Das machst du toll." Ein Lob ist halt ein Lob und ein Kompliment ist ein Kompliment. Das aber sind nur Momentaufnahmen.
In Resonanz gehen ist mehr als das. Es bedeutet, jemand, der selbst eine Qualität besitzt und sie auslebt, erkennt deine Qualität und will gern mit dir zusammen etwas machen, will die Qualität gemeinsam praktizieren, um etwas Schönes zu erleben. Darin liegt Förderung, Anerkennung, Zuwendung, soziale Betätigung, Gemeinschaft, Vertrauen.
Es ist der Hammer, was alles darin verborgen liegt und sich dadurch entfaltet.
Das ist viel mehr, als wenn deine Eltern lediglich dein Talent erkennen und dich deshalb alleine zum Klavierunterricht schicken oder in die Ballettschule. Selbst wenn die Mutter dabei bleibt und der Ballettstunde beiwohnt, ist es nicht dasselbe. Es ist anders, als wenn dir nur immer wieder gesagt, wird, wie gut du bist. Mir wurde später, als ich erwachsen war, sehr oft gesagt, wie gut ich sei und ich habe mich immer gewundert, wie wenig das in mir auslöst.
Von mir aus, ohne jenen Satz von Gerard, wäre ich nie auf die Idee mit der Resonanz gekommen, weil meine erbärmliche Kindheit mich da einfach zu bescheiden gemacht hat. Ich bin so weit gekommen, immerhin zu bejammern, dass ich nicht gefördert, sondern gebremst wurde. Aber zu erwarten, dass sich jemand an mir
erfreut und dann sogar noch einen Schritt weiter, dass jemand mit mir in Resonanz geht, das war so unglaublich weit von meinem Planeten entfernt, dass ich das nie hätte denken können. Deshalb hat es auch zunächst Traurigkeit in mit ausgelöst, die mindestens drei Tage anhielt.
Zu erkennen, dass ich diese kleine, unglaublich lebendige Kim gewesen bin, dieser Wonneproppen angefüllt mir Kreativität und Kraft und der aufsaugenden Neugier eines Schwammes in der Wüste und dass keiner sich daran erfreuen konnte, dass all diese Qualität immer nur als Fehler, als Störfaktor gesehen und behandelt werden konnte, dass hat erst einmal echt weh getan. Und es hat jenen Teil in mir stimuliert, der alles kaputt machen will. Ich habe mich dann dieses Teiles in mir angenommen und versucht ihm zu zeigen, dass das Leben schön sein kann. In den letzten Tages war ich richtig schwach, ich meine physisch schwach. Obwohl ich doch andauernd auf meinem Trampolin herumhopse, empfand ich es plötzlich als so anstrengend, ebenso das Fahrrad Fahren.
Das liegt daran, dass jener Teil in mit, der zuvor nicht integriert war, sondern nur als Partisanenkämpfer gelegentlich aus der Deckung schoss, um etwas zu torpedieren, nun auf einmal mit von der Partie war. Ich bemühe mich, ihn zu integrieren. Heute Morgen, als ich aufstand, da hatte ich den Gedanken im Kopf: "Verdammte Trommelei! Das ist doch nur wieder ein neuer Stressfaktor in meinem Leben. Soll ich jetzt ewig trommeln üben nur wegen dieser bescheuerten Auftritte?"
Mit meinem Frühstückskaffe und meiner Selina setzte ich mich hin, um das zu prozessieren. Und da hat sich das Puzzle auf einmal zusammengesetzt. Fake Müdigkeit und Zeit Überschuss entstammen derselben Quelle!
Ich habe mir vorgestellt, wie es gewesen wäre, wenn zum Beispiel jemand, irgendjemand, Mutter, Oma, Tante, Lehrerin mit der schriftstellerischen Qualität in mir in Resonanz gegangen wäre. Am besten eine Person, die selber schreibt. Dann hätten wir Zeit miteinander verbracht, hätten uns gegenseitig etwas vorgelesen, hätten darüber gesprochen, hätten mehr darüber gelernt. Jene erwachsene Person hätte mich auch gefördert, vielleicht hier und da zu einem Schreibwettbewerb angemeldet. Oh, das hätte mich zutiefst inspiriert! Als Kind war ich so extrem insprierbar. Ich hätte mir ganz viel Mühe gegeben, etwas besonders Schönes und Tolles zu schreiben, wobei jede geschriebene Minute angefüllt gewesen wäre mit der reinen Freude und Begeisterung am Schreiben.
Ich hätte mich auf die Treffen mit jener Person gefreut, mich darauf vorbereitet. Meine Fähigkeiten hätten sich entwickelt. Wir hätten all das praktiziert, was ich weiter oben schon beschrieben habe: Förderung, Anerkennung, Zuwendung, soziale Betätigung, Gemeinschaft, Vertrauen und noch mehr, nämlich Freude und Begeisterung. Und all das hätte Zeit in Anspruch genommen. ZEIT
Deswegen hatte ich immer so viel Zeit über, weil das eben alles nie passiert ist. Klar habe ich auch allein geschrieben, aber längst nicht so lange und so viel. Und ich bin nie über die Hürde gekommen. Wenn du als Kind einen längeren Text beginnst und absolut keiner will es lesen, interessiert sich auch nur einen Deut dafür, sondern alles sagen dir immer das sei Schwachsinn, (dir werden deswegen sogar Schläge angedroht) dann ist es recht schwer, über die Hürden zu kommen, die sich unweigerlich bei jeder Tätigkeit, die Entwicklungspotenzial hat, ab und an aufstellen.
Wie viel Trotz, Wut und Gegenkraft kann denn in so einem sonnigen Gemüt stecken? Das, was ich da zu bieten hatte, wurde aufgebraucht für die Pflicht. Mit meinem Trotz und meiner Wut habe ich mich vorangetrieben, um die Schule zu schaffen und zu lernen. Ich glaube auch nicht, das das zusammen geht: Freude und Trotz.
Es wäre dasselbe gewesen, wenn jemand mein musikalisches Talent bemerkt hätte und damit in Resonanz gegangen wäre. Dann hätten wir damit Zeit verbracht. Ich hätte ein Instrument gelernt und die Freude an der Musik. Wir hätten zusammen musiziert, zuerst die einfachen, dann auch schwerere Stücke. Irgendwann wäre ich in eine Gruppe oder Band gekommen und wir hätten dort zusammen musiziert und komponiert. Meine Fähigkeit zu texten wäre hier auch wieder ins Spiel gekommen.
Ich kann das nämlich sehr gut. Ich habe fast alle Texte auf der CD "One night" der Gruppe "Circle of friends" geschrieben. Du findest die Lieder übrigens auf You Tube unter meinem Namen, Kim Barkmann. Wenn sogar beides passiert wäre, dann hätte ich wohl gar keine Zeit gehabt, mich zu langweilen. Wow, was Gerard mit diesem einzigen Satz alles geöffnet hat. Das Gespräch war übrigens Pfingsten. Ich sagte ihm schon da, dass er offenbar eine Ausschüttung des heiligen Geistes verkörpert habe und das meinte ich auch so. Aber inzwischen habe ich erst begriffen, was sich alles dahinter auftut. Jetzt, nach fast 60 Lebensjahren, ist das Geheimnis um meinen mysteriösen Zeit Überschuss, den niemand teilen oder verstehen konnte, gelüftet.
Gelüftet ja, aber noch nicht ganz gelöst. Dennoch bin ich zuversichtlich, dass ich da noch weiterkomme. Jene aggressive Stimme in mir, die nach ihrer Bequemlichkeit schreit und sich nicht mit Trommeln echauffieren will, die verstehe ich gut. So fühlt man sich eben, wenn man es nie erlebt hat, dass andere in Resonanz mit den eigenen Qualitäten gegangen sind. Wenn die Erlebnisse von Freude, Inspiration, Gemeinschaft und Gemeinsamkeit nie da waren, um einen zu beflügeln, um einem zu zeigen, wie wunderschön das Leben sein kann - ja dann muss man ja das Gefühl haben, das Leben ist einfach nur Scheiße. Passt alles zusammen nicht wahr?
Ich lasse diesen Teil von mir jetzt leben und mit dabei sein. Dann kann dieser Aspekt meiner Seele sich solange mit Freude auftanken, bis auch ihm das Leben wunderbar erscheint. Das machen wir bereits jetzt in diesem Augenblick, denn ich schreibe nun einmal sehr gern. Und wenn ich hier fertig bin, dann werde ich wieder trommeln. Und heute Abend haben wir den Auftritt. Ich werde bestimmt so einige Fehler machen, aber zumindest ich finde das gar nicht so schlimm. Ich konnte mir doch nicht alles merken, was Uri mir in jener einen Stunde beigebracht hat. Er hat mir auch einen Stick mitgegeben, auf dem der komplette Auftritt, alle Stücke drauf sind. Aber einige Breaks und Einsätze konnte ich nicht erkennen und es war mir auch nicht immer möglich genau zu identifizieren, was der Basstrommler spielt.

Ich denke, ich werde das schon ganz ordentlich hinkriegen. Bei so kurzer Vorbereitungszeit werden vermutlich ja auch keine Wunder von mir erwartet. Aber es füllt meine Zeit mit Freude an, das merke ich. Das ist ja so toll! Endlich habe ich verstanden, was man mit all der Zeit machen soll. Und ich habe den zumindest begründeten Verdacht, dass sich hier auch das Thema Fake Müdigkeit heilt. Dessen bin ich mir noch nicht gewiss, aber ich vermute dies: Der Teil in mir, der Fake Müde ist, ist frustriert, isoliert, einsam, verkannt, ungeliebt, ungesehen, ungewollt und deswegen auch resigniert, viel zu müde, um wütend zu sein, eher bereit zu sterben, als länger in diesem fiesen Zustand weiterleben zu müssen. (Oh, Oh, von so was kriegt man Krebs!) (Da hab ich ja noch Glück gehabt. Inzwischen habe ich ein Schreiben der Hamburger Schön Klinik bekommen, das mir bestätigt, dass die komplette Untersuchung und Auswertung meiner Schilddrüse und des Kalksteines, der sich darin gebildet hatte, keinerlei Hinweise auf Krebs ergeben hat! Ha!)
Wenn sich die Situation nun aber verändert, wenn ich langsam lerne, wie man es macht, dass Menschen mit mir in Resonanz gehen, dann bekommt dieser Teil in mir nachgeliefert, was ihm zusteht, wird sozusagen nachgenährt. Es wäre immerhin denkbar, dass er dann auch aufhört, sich so schrecklich zu fühlen.
Vor wenigen Tagen hatte ich dann einen Traum. Ich war wieder zurück in der WG, in der ich früher mal gewohnt habe. Dort lebte dieser unglaublich unreife Mann, der immer nur anderen für alles die Schuld geben konnte. Es war auch noch eine blonde Frau dort, die ich in Wirklichkeit nie getroffen habe. Aber im Traum war sie eine seiner Verflossenen. Ich dachte, er hätte sich geändert, aber dem war nicht so. Bei der ersten Gelegenheit bekam er einen irrationalen Wutanfall und rannte hinaus. Die Frau ging ihm nach und nach einiger Zeit tat ich das auch. Draußen sah ich etwas Überraschendes. Sie hatte ihm nämlich drei Pedelecs für sein Projekt geschenkt. Diese Elektrodreiräder waren wunderschön. Ich glaube nicht, dass es in Wirklichkeit solche Pedelecs gibt, aber die im Traum waren der Hammer. Sie hatten eine Außenhülle wie Autos, nur viel kleiner, so dass man mit ihnen auch auf dem Radweg fahren konnte. Die Hülle war orange und die Fahrzeige waren so nett und rundlich geformt, wie die Autos früher mal waren. Meine Eltern hatten ganz früher mal einen Mercedes, der diese Rundungen hatte. Ich kann es immer noch vor meinem inneren Auge sehen, wie schön die Pedelecs waren.
Fasziniert setzte ich mich in eines der Pedelecs hinein. Es war zu groß, aber man konnte es kleiner stellen. Ich fragte mich, ob ich wohl auch mit so einem Dreirad würde fahren dürfen. Der Mann war wieder ganz friedlich geworden.
Inzwischen verstehe ich diesen Traum. Der unreife Mann ist mein Symbol für jenen unentwickelten
Aspekt in mir, der die Fake Müdigkeit hervorruft. Ihm wird etwas geschenkt und zwar gleich in dreifacher Ausführung. Drei Pedelecs für sein Projekt. Und alle so wunderschön. Die Miniautos erinnern in ihrer Form an den alten Mercedes meiner Eltern. Hier geht es also um Kindheit. Die Farbe aber, ein gedämpftes Orange steht für Macht. Im Tarot ist es zumindest so. Im Tarot steht Gelb für Spiritualität und Rot für Kraft. Orange ist, wenn man ganz genau hinschaut und die Karte dicht an die Augen hält, ein mit roten Strichen gestreiftes Gelb oder umgekehrt ein mit gelben Strichen gestreiftes Rot. Hier vermischt sich kostbare Spiritualität mir großer Kraft und wird dadurch zu Macht.
Da ich ja wie immer alle Personen selber bin, die in meinen Träumen auftauchen, bin ich sowohl die blonde Frau, die ich als Entwicklungsengel interpretiere als auch der beschenkte Mann. Ich beschenke mich sozusagen selber, verleihe mir die Macht. Dreiräder stehen (zumindest in meiner Welt, einer Welt ohne Führerschein oder die Aussicht darauf je einen zu bekommen, weil Sehbehinderung) für Freiheit, Spaß, Lebensfreude und Möglichkeit. Heute Abend werde ich mit meinem Elektrodreirad selbst nach Benkendorf zu dem Auftritt fahren. Dank dieser wundervollen Erfindung ist es mir möglich, dies zu tun. Und es macht auch total Spaß. Elektrodreirad ist Fahrspaß pur. Also ein Symbol wie es positiver nicht hätte sein können. Und dann auch noch verbunden mit Schönheit und Macht.
Wenn ich von Macht spreche, meine ich natürlich nicht Macht über andere. Im Gegenteil, das würde alles verderben und kaputt machen. Die Resonanz, in die die Takadimis mit mir gegangen sind, würde zerbröseln wie ein altes Brötchen, wenn ich versuchen würde, auch nur die geringste Macht über jemanden auszuüben. Das macht alles kaputt und ich bin ganz sicher alt und erfahren genug, um keinen solchen Fehler zu begehen. Immerhin bin ich ja auch der Entwicklungsengel in dem Traum. Macht heißt für mich, die Macht, sich zu heilen, zu befreien, die Macht nicht mehr Opfer irgendwelcher Umstände zu sein, sondern das eigene Leben, die eigene Freude und die eigenen Heilungsprozesse nicht nur selbst in die Hand nehmen zu dürfen, sondern dies auch tatsächlich zu können. Wenn man das zwar will, aber nicht kann, dann ist das ja keine Macht.

Ist die Macht da, dann hat man alles in der Hand, was gebraucht wird. Ich habe die Macht, mich zu heilen, zu vervollständigen und glücklich zu machen. Das sehe ich in dem Traum. Ich habe keine Macht über andere und will auch keine. Freundschaft, echte Freundschaft ist mir tausendmal lieber. Sie öffnet mir die Türen zu all jenen wunderbaren Räumen, in denen wir Begeisterung, Inspiration, Lachen, Feiern, Gemeinschaft und Freude finden können.