Heute hab ich etwas sehr Spannendes zu berichten, ich war nämlich in Hamburg zu einer Spieleveranstaltung. Wir haben das Spiel Cash Flow gespielt. Das Spiel gehört zu einem Buch, in dem es darum geht, wie arme Menschen und wie reiche Menschen über Geld denken. Man kann über Geld auf eine Weise denken, die Wohlstand verunmöglicht und man kann so darüber denken, dass sich Türen öffnen. Jana und ich, wir lesen das Buch beide gerade und sie ist auf die Veranstaltung in Hamburg aufmerksam geworden. Ich hab mir kurzerhand bei Gottfried in der Breiten Straße ein Zugticket nach Hamburg gekauft und bin gestern dort hingefahren, gleich nach dem Frühstücksbuffet im Café Frida, das übrigens rappelvoll und sensationell war. Also wirklich super. Hier mal einige Bilder davon zum Appetit Anregen.
Da sitzen wie in unserem Fall vier Personen um einen Tisch herum und spielen. Wir sitzen im selben Raum, zur selben Zeit, an demselben Tisch und spielen dasselbe Spiel. Und trotzdem machen wir alle völlig unterschiedliche Erfahrungen.
Das Spiel ist ein wenig wie Monopoly nur viel raffinierter und auch anspruchsvoller. Man muss die ganze Zeit über seine Buchhaltung machen. Das war schon mal ein Riesenproblem für mich. Weißt du, ich bin in manchen Dingen sehr schnell, eine Schnellschreiberin, Schnelldenkerin, Schnelllernerin, wohl auch eine Schnellsprecherin. Auf meinen eigenen Gebieten bin ich so schnell, dass andere sich das mitunter gar nicht erklären können. Wie hast du es denn geschafft, diesen 16 Seiten langen Essay in zwei Stunden zu schreiben? Aber wie alles, so hat auch das seine Kehrseite. Dafür gibt es nämlich Gebiete, auf denen ich viel, viel langsamer bin als der Durchschnitt. Du müsstest mich mal erleben, wenn ich meine Buchhaltung mache. Das fällt mir so was von schwer. Da bin ich wie ein Zombie und ich muss mir alles laut vorsagen - gaaanz langsam.
Was muss ich jetzt machen? Minutenlanges Nachdenken - ACH..............JA...............JETZT................MUSS......................ICH.......................MEINE
......................BELEGE.......................AUFKLEBEN
Ich bewege mich in Zeitlupe hin und her, hole alle Belege ins das hellere Zimmer und verbringe eine Stunde damit, die wenigen Belege, die ich habe, aufzukleben, das Datum anzumarkern und sie nach Datum zu sortieren. Ein normaler Menschen könne meine gesamte Buchhaltung locker in 45 Minuten erledigen, da es ja eigentlich nur ganz wenig ist und ein Buchhalter würde das in Zehn Minuten schaffen. Ich brauche fünf Stunden. Zwischendrin verliere ich immer wieder die Orientierung und muss lange nachdenken, um mich wieder zurecht zu finden.
Wenn mich jemand, der mich nicht kennt, dabei beobachten würde, käme er zu dem Schluss, dass ich behindert sein müsse. Wahrscheinlich bin ich das auch, ich bin Buchhaltungsbehindert. Ob man da Prozente auf den Schwerbehindertenausweis bekommt? Na ja, für mich ist das nicht schlimm, da ich ja andere Gebiete habe, auf denen ich glänzen und auf die ich mein Selbstbewusstsein aufbauen kann. Ich fühle mich wirklich sehr mit Gaben gesegnet und kann völlig akzeptieren, dass ja wohl keiner erwarten kann, von Gott mit allen Qualitäten und Fähigkeiten gesegnet worden zu sein. Aber in dem Spiel, da mussten wir die ganze Zeit unsere Buchhaltung machen und alle unsere Spielschritte darin darlegen. Ächtz.
Deswegen habe ich schon gleich zu Beginn vieles nicht verstanden und konnte nicht folgen. Es gab auch noch andere Dinge, die ich nicht verstanden habe. Das führte dazu, dass ich das Spiel gar nicht so richtig spielen konnte. Es sammelte sich bei mir so einiges an Spielgeld an, aber ich konnte es nicht ins Spiel hinein bringen, obwohl ich wusste und verstanden hatte, dass es darauf ankam. Das Geld sollte für mich arbeiten, aber mein Geld lag reglos auf dem Tisch. Dann hatte ich auch noch echt schlechte Karten. Dreimal war ich arbeitslos und musste jeweils zwei Runden aussetzen und etwas von meinem Geld an die Kasse zahlen. Die Spielleiterin unterstützte mich gar nicht, dafür unterstützte sie aber die Frau neben mir. Sie war auch zum ersten Mal dabei und machte sich einfach großartig. Sie ist auch aus dem im Spiel so genannten Hamsterrad ausgestiegen. Toll!
Ich wartete auf eine Chance für einen Deal, um mein Geld ins Spiel zu bringen. Dabei verpasste ich eine richtig gute Chance, die ich hätte ergreifen können, aber das hatte ich nicht verstanden. Während der Spielleiter an Janas Tisch den Leuten so etwas erklärte, bevor sie den Deal abgelehnt hatten, wartete unsere Spielleiterin, bis es zu spät war, um uns hinterher zu belehren, was wir gerade versiebt hatten. Sie sprach auch von Möglichkeiten, die wir hätten, ohne uns zu erklären, welche das waren und forderte uns auf, einander zu unterstützen, ohne dass ich begriff, wie denn. Ich bin eine tollte Unterstützerin, aber mir war nicht klar, was ich da hätte tun können. Das alles war echt hart für mich. Nach einer halben Stunde fragte ich mich, wie ich die restlichen Stunden überstehen sollte.
Aber ich bin Kim und Kim ist keine Lusche. Kim gibt nicht auf und rennt nicht weg, sie beklagt sich nicht und geht in keine Opferrolle (mehr). Kim stellt sich und gibt ihr bestes. Ha!
Wenn es einen Verlierer bei dem Spiel geben würde, wäre ich das wohl gewesen. Aber - ich darf an meine Worte von oben erinnern: Es geht ja gar nicht darum, bei dem Spiel zu gewinnen. Es geht darum, etwas über sich selbst zu begreifen und wow! Da sehe ich mich als große Siegerin.
Es konnte meiner Aufmerksamkeit ja gar nicht entgehen, dass ich mich im Leben auch immer genau so fühle. Ich warte auf eine Chance, werde von so gut wie niemandem unterstützt und habe sehr oft schlechte Karten.
Jana wird immer von allen Seiten unterstützt und so war es für sie dann auch in dem Spiel. Jetzt geht es hier aber nicht darum zu meckern, sich zu beklagen und zu jammern, das wäre nämlich eine Opferrolle und die wiederum ist eine Falle. Nein, die Frage lautet doch:
Okay, Kim, dann sag mir doch mal, WIE machst du es, dass du schlechte Karten bekommst, nicht unterstützt wirst und keine Chancen bekommst?
Und das Spiel hat mir darauf einige tolle Antworten geliefert, die ich zuvor nicht hatte. Zum Beispiel.
Warum hab ich so viel gewartet und so wenig gehandelt, obwohl ich doch ein Tatmensch bin? Weil ich nicht verstanden hatte und meinte, ich muss erst verstehen, um zu handeln. Ich habe aber gar nichts unternommen, um schneller oder mehr zu verstehen. Warum nicht? Weil ich gemerkt hatte, dass alle anderen es bereits voll kapiert hatten und ich wollte sie nicht mit meinen dummen Fragen (Was ist eigentlich eine Hypothek genau?) aufhalten. Ich habe mich zurück genommen und zwar zu sehr, viel zu sehr. Das mache ich im Leben auch, immer, immer, immer.
Nicht, dass Rücksicht auf andere etwas Falsches wäre, gewiss nicht und ich will auch ganz sicher kein rücksichtsloser Mensch werden. Ich habe so lange daran gearbeitet, die liebenswerte, rücksichtsvolle, freundliche Kim zu werden. Das soll schon so bleiben.
Aber die Rücksicht muss ihre Grenze haben und zwar genau da, wo ich anfange, mir selbst mit meiner Rücksicht auf andere zu schaden. Die Leute an unserem Spieltisch waren alle total nett. Ich glaube nicht, dass sie es mir verübelt hätten, wenn ich sie ein wenig aufgehalten hätte. Sie hätten mir das nachgesehen. Warum mache ich das nur immer? Ich hatte das Gefühl, meine Mankos sind zu schlimm, das kann ich den anderen nicht zumuten. Auch ein altes Muster bei mir. Ich habe also nicht gefragt, ich habe nichts erbeten oder eingefordert, obwohl ich sehr deutlich bemerkte, dass ich hier mit reiner Beobachtung nicht weiterkam.
Da habe ich nicht gehandelt. Tatmensch hin oder hier, hier fehlte die Tat. Ich glaube, da bin ich etwas zu fatalistisch, nehme Situationen als gegeben hin, die sich in Wirklichkeit verändern lassen. Ich habe nicht einmal versucht, mir etwas auszudenken, eine Lösung. Dabei ist Problemlösungskreativität eine meiner größten Fähigkeiten. Ich konnte sie nicht einsetzen, weil mein Denken von dem Urteil - Das kann ich nicht - blockiert war. Interessant, nicht wahr? Und wie kam es, dass die Frau neben mir wertvolle Unterstützung bekam und ich nicht? Das kam auch durch meine Passivität. Die andere Frau hat laufend gehandelt, hat einfach was ausprobiert, also gab es auch etwas, wobei man sie unterstützen konnte. Bei was soll man jemanden unterstützen, der schweigend und still dasitzt?
Es sind die Mutigen, die Aktiven, die Unterstützungsbereitschaft in anderen auslösen. Wenn jemand von sich aus gar nichts tut, dann denken die anderen, ach, die will ja gar nicht.
Im Leben habe ich auch oft das Gefühl, nicht zum Zuge zu kommen. Ich glaube, ich nehme auch hier zu viele Dinge als gegeben hin, die veränderbar sind. Zum Beispiel habe ich nie gehandelt, wenn ich irgendwo etwas kaufte. Der mir genannte Preis war der Preis. Dass man ihn verändern könnte, oft sogar in richtig guten Läden, war mir nie in den Sinn gekommen. Vorhin habe ich das gleich mal anders gemacht. Als ich aus Hamburg zurückkam, bin ich ins Café Frida gefahren, das am Montag ja geschlossen hat. Aber Nadine wollte für das Personal und die Helfer ein Resteessen veranstalten. Es war ja noch ganz viel von dem gestrigen Buffet übrig, das nicht mehr verkauft werden kann.
Da ich zwei Stunden zu früh war, schlug Nadine vor, dass wir nach Lüchow ins soziale Kaufhaus fahren. Sie wollte gern noch mehr von den schönen, altmodischen Frühstückstellern finden. So etwas gibt es dort fast immer. Als ich so durch den Laden schnerkte, entdeckte ich eine echte Arzt Personenwaage. So ein Teil wollte ich schon lange gern haben. Ich bin ja gerade dabei zu erblinden, hab den grauen Star auf beiden Augen. Im kommenden Jahr wird das operiert, aber bis dahin habe ich ziemliche Probleme. Ich kann auf meiner Personenwaage die Skala nicht mehr ablesen. Ich bin immer mit meinem kleinen Opernglas auf die Waage gestiegen. Und die war dann auch noch so ungenau, dass sie das Opernglas, das vermutlich etwa ein Pfund wiegt, überhaupt nicht angezeigt hat.
Diese altmodischen Arztwaagen sind viel genauer und außerdem ist die Skala nicht am Boden, sondern bei mir fast auf Brusthöhe. Das kann ich gut lesen. Da stand da so ein Teil herum, wie ich mir schon lange gewünscht hatte und sollte immerhin 40 Euro kosten. Das ist im sozialen Kaufhaus schon ein hochpreisiger Artikel. Da habe ich mit der Verkäuferin gehandelt und die Waage immerhin für fünf Euro weniger bekommen. Ich hab versucht, meine Behinderung in die Waagschale zu werden, aber das hat nicht funktioniert. Mein erster Versuch, meine Welt zu verändern, statt sie als gegeben hinzunehmen.
Das Spiel war wirklich ein Spiegel meines Lebens, so wie ich es erlebe. Und die erste große Einsicht bekam ich schon gleich zu Anfang. Jeder hat im Spiel einen Auditor, also eine Person, die den Buchhaltungszettel des anderen überprüft und wohl auch so helfen und unterstützen soll. Eigentlich müsste es doch echt Pech sein, wenn nun jemand ausgerechnet mich als Auditor bekommt. Aber nein, ich war die Auditorin jener Frau, die sich so großartig gemacht hat. Sie beweist mir, dass schlechte Startchancen nicht bedeuten müssen, dass wir nirgendwohin kommen.
Ich bemerkte auf ihrem Zettel, dass sie meinen Namen als ihre Auditorin nicht angegeben hatte und fragte die Spielleiterin, ob ich das für die Frau eintragen sollte.Wow! Was für ein Satz. Das hab ich mein ganzes Leben lang falsch gemacht. Natürlich war mir der Grundgedanke bereits bekannt und eine Freundin hatte es einst so formuliert: Kim, die anderen müssen sich für ihre Entwicklung selbst abstrampeln, so wie du dich für deine.
Ich hatte das zwar grundsätzlich kapiert, aber diese Formulierung wirft ja so viele unbeantwortete Fragen auf: Kann der andere sich hier selbst abstrampeln, fehlt ihm noch etwas dazu? Sollte ich hier unterstützen oder die Finger davon lassen? Ist das überhaupt sein Thema?
Bis du das alles beantwortet hast und zu einer inneren Entscheidung gelangt bist, ob oder wie du unterstützen willst und kannst, ist die Situation schon längst vorbei. Die Art hingegen, wie meine Auditorin es formuliert hat, wirft grundsätzlich immer nur eine Frage auf: Kann der andere das selbst tun oder nicht? Wann immer ich diese Frage mit Ja beantworte, Finger weg.
Kann Person x sich zu dem Seminar selbst anmelden? Ja klar. Dann sollte sie das auch selbst tun. Kann das Kind y schon selbst sein Taschengeld verwalten? Ja? Dann lass es auch machen. Kann Person x es zeitlich hinkriegen, den Einkauf nach der Arbeit zu erledigen? Nein? Dann finde eine Lösung. Oder wie wäre es mit dem hier:
Kann der kranke Mann es bewältigen, mit seinem Kind die Hausaufgaben zu machen? Er sagt nein, dann sollte es ihm auch nicht aufgebürdet werden.
Oder der hier: Kann der junge Mann es schaffen, sein Zimmer selbst zu streichen, obwohl er behauptet, es nicht zu können? Ja, das kann er, denn es gibt keinen ersichtlichen Grund, warum er das nicht können sollte. Dann sollte man es auch nicht für ihn tun.
Wir müssen nur fair bleiben. Das ist wichtig. Wenn jemand zum Beispiel eine Phobie hat und deswegen sagt, er kann nicht alleine mit dem Bus fahren, dass muss das auch gelten. Eine Phobie ist eine Krankheit, die sich nicht dadurch heilen lässt, dass man die Menschen einfach zu dem zwingt, was sie fürchten. Viele meiner Klienten, die sich das aufgrund der Weisung ihrer Ärzte und Psychologen angetan haben, berichten, dass sie ihre Phobie auch nach Jahren immer noch nicht los sind, obwohl sie sich immer gezwungen haben, das Gefürchtete trotzdem zu tun. Grausamkeit sich selbst oder anderen gegenüber ist KEIN Weg.
Vorhin beim Resteessen, erzählte ich das Uri, unserem Bandleader bei den Takadimis. Er war auch eingeladen, weil er und sein Kumpel ja die Musik bei dem Frühstück gemacht haben. Ich berichtete den beiden Männern, dass ich fürchterlich dazu neige, Dinge für andere zu erledigen, die sie auch selbst tun könnten. Im nächsten Augenblick erhob ich mich, trat an die Kaffeekanne und fragte: Soll ich dir einen Kaffee einschenken? Die Männer mokierten sich und sagten, das könne Uri doch selbst. Zuerst habe ich mich fast erschrocken, weil es ja stimmt. Schon wieder wollte ich gewohnheitsmäßig etwas für einen anderen tun, was der ja auch selbst tun kann. Aber dann musste ich doch auch selbst sehr darüber lachen. Es ist nicht so leicht, Gewohnheiten abzulegen.
Außerdem gebe ich Uri Recht, der sagte, es sei ja schließlich auch eine schöne, freundliche Geste. Die müsse man ja nun auch nicht gleich abschaffen. Ja, das stimmt. Wir wollen es nicht übertreiben.
Ich glaube, ich werde noch ein paar Mal nach Hamburg fahren und an dem Spiel teilnehmen. Ich habe noch längst nicht alles verstanden. Außerdem lernt man dort nette und interessante Menschen kennen. Das ist auch toll. Es war auch schön, mal wieder Jana zu besuchen. An diesem Wochenende waren die Kinder bei ihrem Vater und wir hatten Zeit. Nach dem Spiel haben wir noch so lange geklönt, wie es ging und morgens bin ich mit ihr zusammen vor sechs Uhr aufgestanden. So konnten wir im Bus noch eine halbe Stunde weiter klönen.
Wir wollten doch alles besprechen, was wir bei dem Spiel erlebt und begriffen hatten. Ich will wirklich gern aus der Falle herauskommen und mir mehr finanzielle Freiheit erarbeiten. Dazu muss man aber kein skrupelloser Ellbogenmensch werden. So funktioniert das nämlich gar nicht. Kluge Leute unterstützen sich gegenseitig, statt sich wegzuschubsen. Das kann ich schon mal. Jetzt muss ich noch die anderen Sachen lernen. Ob mein Traum, von dem ich im vorgestrigen Post berichtet habe, diese Spielergebnisse gemeint hat? Ich bekam doch das große Geschenk des Sehens im Traum. Ob gemeint war, dass ich mich selbst "sehen" werde? Könnte so stimmen. Aber in aller Unbescheidenheit: Ich will noch viel mehr sehen.
Ich werde dann weiter berichten, was sich so entwickelt.





























