Donnerstag, 8. Februar 2018

Doch kein Café Anhalt

8.2.2018
Wie gestern versprochen beginne ich nun heute den Post, in dem ich beschreibe, wie das alles war und was nun werden soll. In dem gestrigen Post schrieb ich:
"Diesen Blogbeitrag hier habe ich am 8. November 2017 angefangen. Danach bin ich verstummt und zwar bis heute. Heute ist der 7.2. 2018. Das sind drei Monate. Was ist da passiert? Was ist mit mir passiert? Ich werde es im nächsten Blog beschreiben, den ich schon morgen anfange, versprochen. Ich war wirklich aus der Bahn geworfen, aber ich finde meine Bahn jetzt wieder. Vor drei Tagen hat mir eine nette Frau geschrieben, die diesen Blog gelesen hat. Sie wollte wissen, was los ist. Außerdem hat mir Gitta auf die Sprünge geholfen. Ich wandelte wirklich in einem trüben Tal. Davon erzähle ich morgen und vor allem natürlich, was ich daraus gelernt habe, wie ich mich da wieder rauswirtschaften konnte und wie es nun weitergehen wird".

Von dem Moment an, da ich erfuhr, dass mein Vermieter mich das Café nicht mehr machen lassen will, begannen intensive Prozesse in mir. Zuerst war ich aufgeregt, wie ich gestern ja schon beschrieb und zuerst wusste ich auch gar nicht, wie ich denn reagieren sollte. Eine innere Stimme sagte mir, ich müsse mein Recht einklagen. Viele Menschen im Außen sagten das auch. Auch wenn wir keinen Vorvertrag gemacht haben, gibt es doch so etwas wie einen mündlichen Vertrag. Ich vermute mal, dass kein Gericht annehmen würde, ich hätte meine 11600 Euro ohne jede Absprache auf gut Glück ausgegeben. Aber zugleich merkte ich auch, dass sich dieser Gedanke irgendwie nicht stimmig anfühlte. Was stimmte nicht? Zuerst hatte ich Schwierigkeiten, das überhaupt in mir klar zu kriegen.


Daran merke ich, dass ich auch alt werde. Früher haben mich Denkprozesse nie überfordert. Jetzt ist es mir so deutlich, dass Denkprozesse Zeit benötigen und nicht in Null Zeit durchlaufen können. Wie habe ich das denn bloß früher gemacht? Da kannte ich das gar nicht. Na egal, jetzt brauchen meine Denkprozesse und auch meine emotionalen inneren Prozesse jedenfalls ihre Zeit. Ich muss mir Schritt für Schritt darüber klar werden, was ich will und wo ich stehe.
So ziemlich als eines der ersten erkannte ich, dass ich den Bahnhof nicht mehr machen will. Plötzlich fühlte sich das alles gar nicht mehr gut an.
Ich weiß, jeder "vernünftige" Mensch würde sein Recht einklagen, oder es zumindest versuchen. Aber dabei ginge es ja nur ums Prinzip. Es ginge nicht mehr um meinen Willen.

Schlagartig wollte ich das Bahnhofscafé nicht mehr machen. (Betonung hier auf wollen) Die Freude und die Leichtigkeit hatte das Projekt mit einem Schlag verlassen, als ob jemand einen großen Eimer Wasser auf ein kleines Feuer gekippt hätte und es damit einfach verloschen war. Kaum jemand konnte das verstehen. Alle sagten mir immer wieder, ich solle mein Recht einklagen. Aber mein Wille war verloschen. Wenn ich das jetzt einklage, mich durchsetze, das Bahnhofscafé trotzdem eröffne, dann folge ich irgendwelchen Prinzipien und Vorstellungen darüber, was richtig und falsch ist, aber ich mache dann nicht mehr das, was ich will. Es ist verdammt leicht, vom eigenen Willen wegzurutschen und auf die Schiene solcher Prinzipien zu geraten. Und schon kämpft man für sein Recht, tut dies, das und jenes und hat völlig vergessen zu fühlen, zu FÜHLEN, ob man das eigentlich auch will. Man tut es, weil man es für richtig hält. Das aber ist Kopf. Das ist nicht Wollen und das ist auch sehr anstrengend und kraftraubend.

Im ersten Moment hatte ich allerdings überhaupt keine Ahnung, was ich denn statt dessen will. Ich schwebte erst mal eine Weile im gedanklichen Nirwana herum. Auf das Gespräch mit dem  Vermieter musste ich lange warten. In diesen fünf oder sechs Wochen Wartezeit, veränderten sich meine Empfindungen ihm gegenüber immer mehr und mehr. Irgendwann fand ich es einfach nur gemein von ihm. Er musste sich doch darüber klar sein, was er mir da angetan hatte und wie sich das anfühlt. Als das Gespräch schließlich stattfand, war es eigentlich nutzlos. Seine Meinung stand längst fest. Er hatte inzwischen auch mit Verhandlungen mit anderen Parteien begonnen. Er saß mir gegenüber, hörte mir auch zu, gab mir aber keinerlei Antworten, mit denen ich etwas hätte anfangen können.

Ich finde, er hätte versuchen können, mir zu helfen. Vielleicht würden einige Leser nun sagen: "Aber Kim, so ist das Geschäftsleben nun einmal. Fressen oder gefressen werden und so weiter..." Und bestimmt wäre das auch nicht unrichtig. Es gibt Geschäftsleute, die sich so eine Welt erschaffen und in so einer Welt bewegen. Für die ist das sicherlich ganz normal. Das sind aber nicht alle. Seit ich jetzt auf der Suche nach einem neuen Objekt für mein Café bin, habe ich mehrere Makler und Immobilienbesitzer kennengelernt und da sind keineswegs alle so. Der nette Herr Welkisch, Inhaber des Altstädter Bahnhofs hier in Salzwedel, war überaus freundlich und gab sich so viel Mühe mir gute Tipps zu geben, auch als schon klar war, dass mir sein Objekt zu teuer sein würde. Mindestens eine halbe Stunde lang hat er noch darüber nachgedacht, wo andere freie Objekte in der Umgebung sind, die zu meinem Projekt passen könnten.


Mein Vermieter hätte ja auch so etwas sagen können wie etwa: "Frau Barkmann, ich habe da noch einen anderen Bahnhof in Tangermünde, vielleicht könnten Sie ihr Projekt dort verwirklichen?" Ich weiß natürlich gar nicht, ob das ginge. Es ist nur ein Beispiel. Herr Welkisch hatte auch keinerlei finanziellen Vorteil davon, sich für mich Gedanken gemacht zu haben und mich mit Ideen zu unterstützen. Er hat es einfach so gemacht. Es lag ja auch kein finanzieller Schaden für ihn darin. Niemand zwingt einen Geschäftsmann zum Unmenschen zu werden. Das ist eine Entscheidung, die sie selbst treffen. Der Altstädter Bahnhof hat mir schon sehr gut gefallen, ist aber für mich unbezahlbar. Dabei ist er gar nicht zu teuer. Es ist ein großes, gut ausgestattetes gut renoviertes Objekt. Das ist dieses Geld schon allemal wert. Aber ich kann nicht jeden Monat 1800 Euro Kaltmiete aufbringen.

Am Telefon sagte mein Vermieter mir auch, er habe meinen Blog gelesen und dadurch das Zutrauen zu mir verloren. Dieser Satz warf mich mehr zurück als alles andere. Ernsthaft, kein Scheiß, das hat mir zu schaffen gemacht. Dann haben die anderen natürlich alle gefragt, was es denn gewesen sei, das er da gelesen habe. Das wusste ich aber nicht, weil ich ja so lange auf das Gespräch warten musste. Da habe ich ihn das dann natürlich gefragt. Das hat mich irgendwann richtig wütend gemacht, wenn die anderen mit mir darüber herumrätseln wollten. Verdammt! Der Blog war doch schon so lang und mit so vielen Beiträgen zu wer weiß wie vielen Themen. Was weiß denn ich, was der nun gerade gelesen hat. Außerdem habe ich ernsthafte Zweifel daran, dass er überhaupt meinen Blog gelesen hat. Bestimmt hat er sich nur einen Absatz oder so zu Gemüte geführt, auf den ihn jemand aufmerksam gemacht hat.



Eigentlich hat es mich überrascht, dass überhaupt jemand meinen Blog liest. Da ich ja nie irgendwelche Reaktionen bekomme, dachte ich, im Grunde klicken die Leute den Blog nur mal kurz an, überfliegen ein paar Zeilen und gehen dann weiter. Aber irgendjemand hat da was gelesen und es ihm gesagt. Was, wusste ich nicht. Das hat mich in ernsthafte Selbstzweifel gestürzt: "Ich bin zu offen. Das ist es bestimmt. Das ist ein Fehler. Das ist dumm, naiv oder einfach bescheuert. Das war doch zu erwarten. Warum machst du das überhaupt? Ist das zwanghaft? Bestimmt! Ich bin unfähig, unwichtig, ein Dummchen, eine Niete, Loserin. Klar werde ich über den Löffel barbiert."

Wie diejenigen, die meinen Blog evtl. doch lesen, bestimmt gemerkt haben, bin ich daraufhin für drei Monate verstummt. So hat mich das getroffen. Wie eine dunkle Wolke legte sich das über meine Seele und sorgte für eine dreimonatige Verdüsterung. Dabei habe ich noch nicht einmal gemerkt, dass es dieses Thema ist. Die Verdunklung habe ich natürlich bemerkt. Jemand, der das Licht so braucht wie ich merkt, wenn es dunkler wird. Aber ich konnte so schnell nicht identifizieren, woran das lag. Ich konnte auch so schnell nicht erkennen, wie sehr mich das insgesamt geschwächt und von mir selbst abgebracht hat.

Jetzt, in diesem Moment, wo ich das schreibe, könnte ich gleich losweinen, so traurig macht mich das immer noch. Ich habe so vieles erst einmal nicht verstanden.
Wo fange ich an zu erzählen? Nehmen wir mal meine Offenheit, die ich auf einmal nur noch als Schwäche sehen konnte.
Also, das ist gar keine Schwäche, sondern eine Kraftquelle. Fakt!
Ich gewinne Kraft daraus, dass ich mit guten Menschen und Freunden offen und ehrlich sein kann. Es stärkt mich und es stärkt die anderen Menschen, die mit mir reden, auch. Es kann gut sein, dass es dich stärkt, dies hier zu lesen. Vielleicht fühlst du dich verstanden oder ermutigt oder sonstwie gestärkt dadurch. Es ist eine Quelle.


Während der zweieinhalb Monate, in denen ich die Coffee to go Hütte betrieb, nutzte ich diese Kraftquelle auch die ganze Zeit über. Ich konnte immer erkennen, welche Menschen in Ruhe gelassen werden wollten und welche gern reden wollten. Die meisten möchten reden, aber sie sind nicht so offen. Sie trauen sich nicht so recht, bleiben in Allgemeinplätzen stecken und im Small Talk. Dennoch nahm ich ihre Sehnsucht wahr. Und dann habe ich immer gnadenlos gefragt: "Und? Wo soll`s denn heute hingehen?" Schließlich waren wir ja am Bahnhof. Die Menschen haben dann angefangen zu erzählen und schon nach fünf Minuten waren wir bei interessanten Themen angekommen und hatten die Ebene des Small Talk verlassen.

Ich konnte sehen, wie das den meisten Menschen gut tat und mir selbst auch. Gitta berichtete mir kürzlich von einer Studie, die nachgewiesen hat, dass solche Gespräche, also kurze aber intensive Gespräche mit eher Fremden, ganz oben auf der Liste der Dinge rangieren, die für die seelische und körperliche Gesundheit der Menschen bedeutsam sind. Gute Gespräche mit Freunden stehen natürlich auch ganz oben auf dieser Liste. Wenn wir Menschen solche Gespräche brauchen, um gesund zu bleiben, gleichzeitig aber zu scheu sind, um mit Fremden über Wettergespräche hinauszukommen, dann sind Menschen wichtig, die uns über die Schwelle bringen.


Es ist eine Kraft, eine Qualität und keine Schwäche. Und es ist ein wichtiger Teil von mir. Das ist nicht nur irgend so eine dumme Angewohnheit, nein es macht mich aus. Es ist ein Teil des Kim Seins in mir. Aber da geht es noch weiter in der Erkenntnisrichtung.
Ich habe echt lange gebraucht, aber schließlich habe ich doch erkannt, wo hier die wirkliche Schwäche lauert. Mein Vermieter selbst ist überhaupt nicht offen. Dasselbe habe ich bei jenen Immobilienbesitzern bzw. Maklern beobachtet, die auch nicht besonders hilfreich oder nett waren. Vielleicht denken sie, das sei eine Stärke, aber in Wahrheit sind sie schwach. Hinter ihrem Schweigen verbergen sich Ängste. Da ist so viel sich nicht Trauen, nicht über die Schwelle kommen Können, lieber nichts riskieren Wollen, so viel die persönliche Unzulänglichkeit verbergen wollen in diesem scheinbar cleveren geschäftsmännischen Verhalten drin.

In den Jahrzehnten meines bisherigen Lebens habe ich an all jenen Themen in mir gearbeitet und sie bewältigt. Schwer zu glauben, aber auch ich war mal schüchtern und ängstlich. Als ich noch zur Schule ging, war ich so voller Selbstverurteilung, dass ich schon deswegen oft nicht gesprochen habe. Ich hatte das Gefühl, alles, was ich sage, ich falsch. Ich bin immer daneben. Benehme mich seltsam. Im Laufe all der Jahre und Jahrzehnte habe ich das abgearbeitet, habe mich befreit, gestärkt, ermutigt, lieben gelernt. Und ich war immer, wirklich immer mutig. Egal, wie viel Angst ich auch vor bestimmten Begegnungen hatte, ich habe mich nie gedrückt, sondern mich immer gestellt. Ich habe gelernt, mich entwickelt, bin gewachsen, wurde netter, freier, lustiger, stärker, selbstbewusster, weiser und mehr.

Meine heutige Offenheit ist das Ergebnis dieses langen, tapferen Prozesses, den ich im Alter von vierzehn Jahren begann. Das ist Stärke und nicht Dummheit. Puh hat das gedauert, bis ich das klar hatte. Was hat diese Bemerkung meines Vermieters nur reingehauen bei mir. Wieso diese heftige Reaktion meinerseits? Interessant genug, da mal genauer hinzuschauen.
Tatsächlich verbarg sich da noch ein unaufgearbeitetes Thema. Ich will niemanden damit langweilen, deswegen beschreibe ich es nur kurz.

Mir wurde von Kindheit an vermittelt, dass nicht nur ich ungewollt bin, sondern auch mein Output. "Kinder gehören ins Kinderzimmer" dürfte wohl einer der Sätze sein, die meine Schwester und ich am häufigsten zu hören bekamen. Mit dem Kinderzimmer bekamen wir die Vorstellung präsentiert, es gäbe doch etwas für uns, schließlich hätten wir doch sogar ein eigenes Zimmer. Aber in Wahrheit ging es doch nur darum, uns nicht hören und sehen zu müssen. Wir wurden doch nicht ins Kinderzimmer verbannt, weil meine Eltern meinten, das sei pädagogisch gut für uns sondern, weil sie keinen Bock auf uns hatten. Das kann bei anderen Eltern natürlich ganz anders gewesen sein. Bei uns war es so.

Dabei wurde die Tatsache, dass wir ja nicht grundlos unser Refugium verlassen hatten, sondern weil wir Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit und Kommunikation hatten, völlig außer Acht gelassen. Das hat für mich bewirkt, dass ich tief in meiner Seele selbst auch immer das Gefühl hatte, ich sei unwichtig, sollte mich lieber verziehen und niemanden interessiert, was ich von mir gebe. Deshalb konnte ich mir auch nicht wirklich vorstellen, dass jemand meinen Blog liest. Ich komme ja mit meinem Blog in die Welt mit haargenau denselben Bedürfnissen, die mich seinerzeit aus dem Kinderzimmern zu meinen Eltern führten. Ich wollte doch bloß ein bisschen erzählen, von der Schule, vom Spielen mit Freunden, von meinen Erlebnissen. Im Grunde genau, was ich hier mit dem Blog mache.

Meine Bücher schreibe ich anders und mit anderen Absichten. Aber hier im Blog erzähle ich bloß ein bisschen, meinen eigenen kommunikativen Bedürfnissen folgend. Es ist wirklich wahr, aber in meiner Kindheit hat es niemanden, aber absolut niemand Erwachsenen gegeben, der mit mir geredet hat. Einmal bekam ich auf dem Schulhof einen hysterischen Anfall. Ich begann zu kreischen und glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Da war ich noch in der Grundschule. Meine Lehrerin nahm mich schweigend an die Hand und führte mich in einen leeren Klassenraum. "Warte hier", sagte sie mir. Ich wartete. Schließlich kam sie wieder und führte mich schweigend wieder in meine Klasse zurück.

Kein Gespräch, keine einzige Frage. Arme, kleine Kim. Sorry, aber das musste ich einfach schreiben. Es war, als wollte mir das Schicksal mit der Baseballkeule einbläuen: "Du bist unwichtig. Niemand interessiert, was du zu sagen hast." Heutzutage wissen wir ja inzwischen, dass noch jüngere Kinder sogar an Aufmerksamkeitsmangel sterben können. So klein war ich damals schon nicht mehr, aber noch klein genug, dass es immerhin weh genug tat, einen hysterischen Anfall zu bekommen. Ich glaubte, keine Luft mehr zu bekommen, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Und so war es ja auch. So wie ein Fisch das Wasser braucht, nicht weil er wassersüchtig ist, sondern weil es sein Element ist, so braucht eine kommunikative Persönlichkeit Gespräche. Bekommt sie die nicht, fühlt sie sich wie ein Fisch auf dem Trockenen, glaubt zu ersticken.

Ich schreibe diesen Blog einfach, weil es meiner Natur entspricht. Heutzutage habe ich ja richtig gute Freunde, die gern mit mir reden und wo auch immer ich gehe und stehe, werde ich in Gespräche verwickelt. Die harten Zeiten von damals sind vorbei. Aber das bloggen, so wie ich es betreibe, ist auch nichts anderes, als einfach ein wenig erzählen, was so läuft, was in mir vorgeht, was mich bewegt. Ohne besonderen Anspruch, ohne tiefere Absichten. Und dann wird mir vermittelt, mein Blog, meine Offenheit habe mir sogar geschadet. Der Vermieter hat das Zutrauen in meine Fähigkeit, das Café zu führen verloren, durch etwas, das er in meinem Blog gelesen hat. Ich habe etwas geschrieben, das zu seinem Vertrauensverlust führte.

Das hat diese alten, schmerzlichen Empfindungen wieder hochgeholt. Kinder gehören ins Kinderzimmer. Ein Café ist etwas für Erwachsene. Du bist unwichtig!
Aber weißt du was? Ich bin gar nicht unwichtig. Hinter so einem Gedanken verbergen sich Irrtümer. Irrtümer darüber, was genau denn eigentlich in dieser Welt wichtig ist. Was braucht diese Welt denn wirklich? Noch mehr unmenschliche, Geld scheffelnde Unternehmer? Noch einen Null-Acht-fünfzehn Bäcker im Bahnhof? Brauchen wir den wirklich?
Ich glaube, wir können alles brauchen, was dazu beiträgt. Menschen zu stärken, zu ermutigen, sich selbst zu vertrauen und ihre Träume zu leben. Wir brauchen auch mehr Menschlichkeit, mehr Weisheit und Güte, mehr Inspiration, mehr Gemeinschaftssinn und alles, was dazu beiträgt, dass Menschen, so unterschiedlich sich auch sind, immer in dem Element leben können, das zu ihnen gehört. Jeder Fisch in seinem richtigen Wasser.

Es gibt sehr viele, viele Projekte, die genau dazu beitragen wollen und auch können. So viele schöne Ideen, so viele tolle kreative Ansätze. Ich bin da mit meinem kleinen Cafè Anhalt Projekt, das als Kultur Café geplant war, ganz sicher nicht einzigartig, muss ich ja auch gar nicht sein. Aber ich bin eben auch eine davon. Wichtig zu sein, heißt ja auch nicht gleich, dass meine Entscheidungen die ganze Welt verändern. Es reicht ja aus, wenn ich wichtig bin für einige Menschen.
Das war ich längst. Ehrlich gesagt war ich das schon Hunderte von Malen. Ich habe ja als De Wise Fru zwanzig Jahre lang mit Menschen gearbeitet und Menschen inspiriert, mehr sie selbst zu sein, ihrem Glück zu folgen, sich zu trauen.


Es wird Zeit, die alte Wunde zu schließen. Ich will hier nicht angeben. Das sei mir ferne, aber zu glauben, ich sei unwichtig, ist angesichts der Tatsachen auch irgendwie unrealistisch. Ich erzähle jetzt hier ein Beispiel, nur ein einziges stellvertretend für all die anderen:

Als ich gerade erst mein Seminarhaus in Altensalzwedel gekauft hatte, kam zu mir eine Frau, die ihr ganzes Leben bisher als unterdrückte, eingeschüchterte Frau gelebt hatte. Sie hatte sich von Männern so ziemlich alles gefallen lassen. Als sie mich sah, wie ich da zwischen Bergen von Unkraut und Schutt in dem damals noch sehr renovierungsbedürftigen Haus und Garten meine eigenen Wege bahnte, da schwante ihr, dass Frauen stärker sein können, als sie gedacht hatte. Sie begann, meine damaligen Seminare zu besuchen und bahnte sich ihren eigenen Weg zu sich selbst. Alles änderte sich in ihrem Leben, absolut alles: Arbeit, Partner, Verhältnis zu den Eltern und Geschwistern, Ihr Verhältnis zu ihren Kindern, ihr Wohnort. In der Ruine ihres früheren Lebens blieb sozusagen kein Stein auf dem anderen.

Das hat natürlich Zeit gekostet, Scheidung, Partnersuche, Weiterbildung und so weiter, aber sie erbaute sich ihr eigenes Glück mit ihrer eigenen Kraft. Heute lässt diese Frau sich von niemandem mehr unterdrücken, hat einen großartigen Ehemann, versteht sich prächtig mit ihren Kindern und hat ein liebevolles, aber auch starkes Verhältnis zu ihren Eltern gefunden. Sie ist inzwischen selbständig und verdient gutes Geld.
Mir gefällt dieses Beispiel besonders, weil es zeigt, dass nicht ich es war, die dieses Wunder vollbracht hat. Nein, das war sie selbst. Sie hat sich ihr Glück mit ihrem eigenen Mut und ihrer eigenen Kraft aufgebaut. Und doch wäre es ohne mich niemals passiert.

Wenn wir wichtig für andere sind, dann ist es nicht deswegen, weil wir besonders toll sind. Das müssen wir auch gar nicht sein. Wir werden nur aus einem einzigen Grunde wichtig für andere: Weil, und auch nur wenn wir es wagen, wir selbst zu sein.

Ich habe vor Schreck aufgehört zu schreiben, als mein Vermieter mir sagte, er habe dadurch das Vertrauen in mich verloren. Heute sage ich: Vielen Dank dafür! Ohne Sie wäre ich auf mein altes noch unaufgelöstes Problem gar nicht aufmerksam geworden. Jetzt ist es (hoffentlich) gelöst. Ich schreibe wieder und zwar im Bewusstsein der Tatsache, dass dies nicht meine Schwäche ist, sondern meine Kraft und dass diese wichtig sein kann für andere Menschen.

Übrigens, bestimmt möchtest du wissen, was es denn nun war, das er da gelesen hat. Es war der so ziemlich letzte Satz des letztes Blogs vor meinem dreimonatigen Verstummen. Da schrieb ich, ich wolle die Hütte nicht selbst lasieren, dazu hätte ich einfach keine Lust und ich bat die Große Mutter, mir jemanden zu senden, der das für mich tut. Dieser Satz hat ihn glauben lassen, ich sei wohl faul und unzuverlässig, würde nicht tun, was getan werden muss, nicht ordentlich ranklotzen, wie man das als Selbständige muss.

Er konnte das auch gar nicht verstehen, weil ich die Auflösung, die ja schon am anderen Tag kam, nicht mehr veröffentlich hatte. Einen Tag später kamen zwei junge Männer, die mir gern helfen wollten. Sie lasierten und strichen die Hütte. Das habe ich inzwischen veröffentlicht im gestrigen Blog, aber eben erst gestern. Ich wollte damit ja auch etwas sagen. Die Botschaft war, dass wir der Freude folgen sollten und nicht der Pflicht. Wenn man sich das wirklich traut, dann funktioniert es auch. Ich bin nicht faul, gar nicht. Aber ich halte nichts davon, sich alles und jedes aufzulasten. Das ist nicht der Weg zum Erfolg. Das ist der Weg zum Herzinfarkt.

Wenn du einem Flow folgst, dann surfst du auf einer Welle der Kraft. Dann kannst du unglaublich leistungsfähig arbeiten. Suche lieber den Flow, statt immer nur auf die Pflicht zu hören. Es kann andere geben, für die das ein Flow ist, was dir Pflicht gewesen wäre. Übrigens habe ich darüber inzwischen ein Buch geschrieben: "Der innere Moralapostel". (Von wegen faul! Ha!) Es ist bei Amazon oder überall im Handel zu bekommen und kostet nur 10 Euro. Ich kann es dir sehr empfehlen. Das Buch soll dazu beitragen, dass sich mehr Menschen aus der Umklammerung des Pflichtdenkens befreien, um ihre eigenen Kraftwellen zu finden, auf denen sie surfen können.


So, jetzt habe ich mir das wichtigste von der Seele geschrieben. Ich höre für heute auf, aber ich werde nicht wieder so lange verstummen. Bis bald also.
P. S. Selina sagt Hallo bzw. Miao.


















 
 











Mittwoch, 7. Februar 2018

Hüttenzauber, Hüttenzinnober

8. November 2017
Im letzten Blog schrieb ich ganz am Ende über das Lasieren meiner Coffee to go Hütte: "Ach, geliebte Mutter Wille, kannst du mir nicht jemanden erschaffen, der das für mich tut?" 
Die kamen schon am nächsten Tag zu mir. Als ich bei meinem Bruder und meiner Schwägerin auf dem Hof war, traf ich dort zwei junge Männer, die gern bereit waren zu helfen. Klasse! Das war ja echt prompte Bedienung von der Großen Mutter. Am anderen Tag schon lasierten mir die beiden die komplette Hütte, erledigten auch den von der Hygiene verlangten Innenanstrich und verlegten den ebenfalls verlangten PVC Fußboden. Wenn man mit Nahrungsmitteln arbeitet, muss alles abwischbar sein.


Das war am Montag. Den ganzen Rest der Woche war ich noch mit allen möglichen die Hütte betreffenden Angelegenheiten beschäftigst. Mein wunderbarer Handwerker war insgesamt dreimal da und verbesserte jedes Mal die Hütte auf eine Weise, die mich faszinierte. Bei einem richtig guten Handwerker ist das alles irgendwie eine Kleinigkeit. Jetzt wackelt da nichts mehr und es klemmt auch nichts mehr. Die Fenster lassen sich auf leichtgängige Weise von Außen öffnen und sind durch dicke Schieberiegel und frostfeste Schlösser gesichert. Auch die Tür, die immer wieder von alleine aufging, hat er repariert, so dass das Türschloss jetzt immer artig ins Schloss schneppt.


Es gab noch so viel anzuschaffen, aufzutreiben und zu besorgen. Ununterbrochen bin ich mit meinem Dreirad durch Salzwedel von und zu den Baumärkten und den Restpostenläden geradelt und habe besorgt, was ich brauchte. So eine Hütte muss ja auch ausgestattet werden. Dabei ging der letzte Rest von dem Darlehen drauf, dass Gerard mir gegeben hat. Immerhin habe ich darauf geachtet, so weit als nur möglich, nur Dinge anzuschaffen, die ich später im Café weiter verwenden kann. Ich wollte das Geld nicht direkt zum Fenster rauswerfen.

Viele Leute haben mir gesagt, ich sei doch verrückt, für ein halbes Jahr noch so einen Hüttenzinnober anzuzetteln. Einige meinten sogar, das sei doch Wahnsinn. Darüber musste ich natürlich nachdenken. Mein innerer Moralapostel pflichtet dem natürlich bei - natürlich! Das passt in dein Schema! Aber eigentlich ist es gar nicht so verrückt, wenn man es genau betrachtet. Verrückt ist es doch nur von einem einzigen Standpunkt aus, nämlich vom kaufmännischen. Ich habe fast 2000 Euro in die Hütte investiert und werde ganz sicher keine 2000 mit ihr verdienen können. Kaufmännisch gesehen, ist es komplett verrückt. Aber da sind ja auch noch andere Standpunkte.

Der kaufmännische Standpunkt trachtet danach, das Geld zu vermehren. Wenn ich nicht das Geld Vermehren als Maxime anlege, sondern das Vermehren von Lebendigkeit, oder Lebensfreude, oder Kraft, oder Kontakten, oder Entwicklungsmöglichkeiten, dann ist die Hütte immer wieder ein erfolgversprechender Einfall.

Mit der Hütte habe ich ein Ziel, einen Plan, einen Willen, ich komme in Kontakt mit vielen Menschen, habe eine erlebnisintensivere Zeit, als wenn ich nur halb depressiv und gelangweilt in meiner Wohnung herumsitze. Ich erlebe Freude, schöpfe wieder Kraft, die mir nach einjähriger Arbeitslosigkeit gerade wegzurutschen drohte, kann mich auch mit Menschen auseinandersetzen, Reibungen ebenso erleben wie Freundschaften.
Ja selbst wenn ich mich frage, was für die Menschen von Salzwedel besser ist, Hütte oder nicht, ist die Hütte die richtigere Option. Das sagen übrigens alle. Alle Leute, die oft zum Bahnhof kommen, freuen sich darauf, dass ich die Hütte bald eröffne.

Aber von wegen!

Die Behörde schrieb mir, ich müsse noch einmal kommen, um irgendetwas zu unterschreiben. Ich wusste zwar nicht was, fuhr aber dennoch ins Bürgercenter. Dort erfuhr ich, dass ich offenbar das falsche Gewerbe angemeldet hatte. Mann, was für ein dummes Missverständnis! Das hätte die Dame mir doch erklären müssen. Ich hatte ein Gewerbe für Einzelhandel angemeldet, was mich berechtigt Schokolade und anderen Kram zu verkaufen und zwar sofort, wenn ich will. Aber Kaffee fällt nicht darunter! Gibt´s denn so was? Dabei hat die Dame mir noch freundlich den Weg zu ihrem Kollegen für Brandschutz und Arbeitssicherheit gewiesen, weil ich ihr erzählte, dass ich Kaffee auf einem Gaskocher zubereiten will.

Ich habe ja noch keinen Strom in der Hütte und den bekomme ich auch nicht so bald. Es gibt da ein zweimonatiges Genehmigungsverfahren, das ich abwarten muss. Und nun erfuhr ich, dass es ein einmonatiges Genehmigungsverfahren gibt, wenn man Kaffee verkaufen will. Dabei wollte ich die Hütte doch am Freitag zum ersten Mal aufmachen. immerhin hat die Dame in der Behörde meinen letzten Besuch vor einer Woche, als ich den Einzelhandel angemeldet habe, als Termin eingetragen, so dass jetzt nur noch drei Wochen abzuwarten sind. Die "Ummeldung" von Einzelhandel auf Gastronomie kostete mich übrigens 20 Euro.

Die vorige Anmeldung hatte bereits 50 Euro gekostet und jetzt erfuhr ich auch noch, dass ich für weitere 50 Euro dir Hütte selbst anmelden musste. So wird man schnell sein Geld los! Pleite und Portemonnaie entleert kehrte ich von der Behörde zurück. Jetzt bin ich wirklich am Rand. At the edge! Kein Geld mehr auf dem Konto und auch keines mehr in der Kasse. Aus reiner Sturheit eröffnete ich am Freitag trotzdem und versuchte, mich auf das Verkaufen von Süßkram zu verlegen, da ich ja noch keinen Kaffee ausschenken durfte. Das allerdings hat nicht funktioniert. Nach vier ziemlich kalten Stunden draußen in der Hütte ohne Heizung hatte ich den stolzen Betrag von 2,75 € eingenommen. Und das ist nicht der Gewinn, nur die Einnahmen.

Ich schloss die Hütte und ging zu mir nach oben. Hoffentlich werden die Einnahmen besser, wenn ich ab dem 17. November Kaffee ausschenken darf. Ich war sehr durchgefroren und stellte mich trotzdem auf meine Fitnessgeräte. Das war unklug, denn ich zog mir während des Trainings eine gemeine Zerrung im Rücken zu. Ich hatte einfach nicht daran gedacht, aber man sollte nicht völlig kalt mit Sport beginnen. Am Samstag und Sonntag konnte ich mich kaum bewegen. Erst am Sonntag Nachmittag kam ich auf die Idee, mir meine Wärmelampe direkt an den Rücken zu stellen. Sie wurde so gnadenlos heiß, dass ich es nur höchstens zwei Minuten aushielt, aber es hat wirklich geholfen. Die Verkrampfung löste sich.


Es tut immer noch ein klein wenig weh, schließlich muss die Zerrung ja erst mal ausheilen, aber ich kann mich wieder bewegen und fühle mich nicht mehr als Invalidin. Natürlich war das eine Botschaft. So als zur Ruhe gezwungene Action Heldin konnte ich erkennen, dass ich in letzter Zeit viel zu sehr in Hektik geraten war. Da hatte ja immer ein Termin den nächsten gejagt. Ich war so permanent unterwegs gewesen, dass meine Wohnung schon ganz unaufgeräumt und teilweise sogar dreckig geworden war. So was bekommt mir aber nicht. Inzwischen hab ich schon mal die Küche und das Bad geputzt, im Wohnzimmer staubgesaugt, Müll runter gebracht und den ganzen Sachen, die eigentlich zur Hütte gehören, die ich aber erst später dort brauchen kann, einen festen Platz im Regal zugewiesen.

Am 17.11.2017 eröffnete ich dann die Hütte ganz richtig mit Kaffeeausschank und so. Ich bin anfangs um 5 Uhr morgens aufgestanden, bin quasi aus dem Bett und die Treppe runtergefallen und hab sofort die Hütte aufgemacht - ohne Umschweife sozusagen. Es war irgendwie schön. Der Bahnhof wirkte so friedlich im Schein der Straßenlaternen. Nur die ganzen Batterie betriebenen Lämpchen in meiner Hütte gaben noch weiteres Licht. Gegen 8 Uhr wurde es langsam hell. Es hat mir gut gefallen. Meine schwindende Kraft war aus dem Stand wieder hergestellt, ja mehr noch, die Arbeit in der Hütte hat mir Kraft gegeben. Zum ersten Mal weiß ich, was Gitta immer meint, wenn sie sagt, sie würde nur noch eine Arbeit annehmen, die ihr Kraft gibt.


Ehrlich gesagt, war ich so vollkommen daran gewöhnt, dass Arbeit Kraft kostet, selbst wenn sie total Spaß gemacht hat, dass ich mir nichts anderes vorstellen konnte. Und doch gibt es das! Das müssen wir ja alle wissen. Jeder sollte das wissen und sich nicht mehr mit etwas anderem zufrieden geben. Arbeit kann Kraft geben. In der Hütte habe ich das gemerkt. Diese Art von Arbeit, ich hab fast Schwierigkeiten es überhaupt Arbeit zu nennen, liegt mir so sehr, dass es wie von allein geht.
Ich BIN einfach von Natur aus freundlich. Ein freundliches Gesicht zu machen, wenn jemand in der winterlichen Kälte, tief versunken in Schal und Mantel etwas bestellt oder ein paar fröhliche Sätze von mir zu geben, trotz Müdigkeit, dass ist so zutiefst in meine innerste Natur eingekerbt, dass es von alleine passiert. Es kostet mich nichts, sondern gibt mir etwas.


Allerdings hätten die Geschäfte wirklich besser sein können, denn die Einnahmen waren erbärmlich. Ich bin kaum jemals auf 20 Euro Einnahmen gekommen, meistens eher so um die 10, 11 Euro am Tag und dabei spreche ich keineswegs vom Gewinn, sondern nur von den Einnahmen. Es wurde auch nicht besser in der Zeit, wo ich die Hütte gemacht habe. Wenn es mir nicht so viel Spaß gemacht hätte, hätte ich gleich wieder schließen können. aber ich hatte ja eh nichts Besseres zu tun.


Was aber wirklich faszinierend und toll war, war die Funktion der Hütte als Infobörse. Also das ist noch mehr mein Ding als alles andere. Die Menschen kommen an die Hütte, trinken einen Kaffee, während sie auf ihren Bus oder ihre Bahn warten und erzählen mir die interessantesten Dinge. Okay, nicht alle. Es ist schon auch mal vorgekommen, dass jemand mich fürchterlich zugetextet hat mit besserwisserischem Kram. Einmal hat so jemand sogar die nette Tierärztin vertrieben, mit der ich mich viel lieber unterhalten hätte. Das war schade, aber insgesamt, waren die Menschen sehr kenntnisreich, kompetent und wissend.

Immer, wenn wieder mal jemand so auf mich eingeredet hat, hab ich versucht, das Gespräch auf etwas zu bringen, von dem ich zu wenig weiß, damit ich etwas Interessantes von ihm erfahre. (Wir beachten beiläufig, dass ich hier von IHM geschrieben habe, der männlichen Form. Es ist mir nämlich nie mit einer Frau passiert.) Oft funktioniert das. Ein Busfahrer erzählte mir, wie die neuen Gas betriebenen Busse so fahren und erklärte mir, woran ich sie erkenne. Interessant! Ich bekam auch gute Tipps von vielen Menschen, die in der Gastronomie arbeiteten oder darin selbständig waren. Ist alles gespeichert in meinem Supergedächtnis.

Und eines Tages kam jemand und sagte: "Ich habe gehört, Sie machen das Cafè jetzt gar nicht mehr, sondern ein Bäcker aus Lüchow?" Damit hatte er schon mal eine kleine Zündschnur angezündet. Die Bombe sollte kurz darauf platzen.
Tatsächlich hatte ich selbst auch bereits so ein komisches Gefühl entwickelt. Irgendetwas stimmte nicht mehr. Zuerst hatte ich das gespürt, als ich plötzlich nicht mehr durch das Cafè gehen durfte. Es war plötzlich abgeschlossen und die anderen Türen mit einer Kette verhängt. Mir wurde gesagt, das sei nur wegen der Handwerker, aber ich spürte, dass da mehr dahinter steckte. Dann kamen noch ein oder zwei weitere Momente hinzu und schließlich merkte ich selbst, wie sehr das meine Gefühle verdüsterte. Darum schickte ich meinem Vermieter eine Whatsapp und fragte, ob wir ein Problem hätten.

Wie es sich herausstellte, hatten wir das wirklich. Er wollte nicht mehr, dass ich das Café eröffne, sagte sogar, wir hätten das so ja gar nicht vereinbart (???!!!???) Er hätte ja von Anfang an gewollt, dass Nadine das macht, weswegen er ja auch mit ihr den Vorvertrag gemacht habe und nicht mit mir.
Oh je, was war ich dumm! Damals hatte er gesagt, ich solle nicht im Vorvertrag stehen, weil er sich nicht der Mauschelei beschuldigen lassen wollte. schließlich sei ich ja schon seine Mieterin. Ich fand das zwar nicht plausibel, hatte aber auch nichts dagegen gesagt. Mit so etwas habe ich einfach nicht gerechnet.

Könnt ihr euch vorstellen, was diese Antwort in mir ausgelöst hat? Im ersten Moment war ich nur absolut und total aufgeregt. Ich hätte gar nicht sagen können, ob und was ich fühle, ob ich wütend sei, enttäuscht oder traurig oder so. Ich war einfach nur total aufgeregt. Es war schon Abend und ich fragte mich, wie ich es wohl schaffen sollte, zu schlafen in der Nacht. Am Morgen wollte ich ja die Hütte aufmachen. Inzwischen war ich dazu übergegangen, erst um 6.30 Uhr zu öffnen, weil ich nie etwas vor 6.50 Uhr verkauft hatte, aber das bedeutete ja dennoch Aufstehen um 6 Uhr. Mein Vermieter whatsappte mir, er würde morgen in Salzwedel sein und dann könnten wir darüber reden.



Ich schlief in der Nacht sehr unruhig, wachte immer wieder auf und merkte, dass emotionale Prozesse durch mich durch rollten. Jedes Mal wenn ich wieder aufwachte, war ein neuer Aspekt des Themas in meinem Kopf, so als ob mein Unterbewusstsein eine Inventur der Situation durchführte. Das fand ich gut. Ich fühlte mich nämlich zunächst sehr überfordert damit, so aus dem Stand zu überblicken, was das nun alles für mich bedeutete, wie ich reagieren sollte, welche Hebel gedrückt und welche Strippen gezogen werden müssen. Das war auf einmal so viel und so plötzlich über mich herein gebrochen. Gut, dass mein Unterbewusstsein sich darum kümmerte.

Am Morgen wurde mir klar, dass ich die Hütte nicht aufmachen konnte. Nicht nur wegen Schlafmangel, sondern vor allem, um den Vermieter nicht zu verpassen, der mit mir sprechen wollte. Außerdem waren so viele Prozesse in mir am Laufen, dass ich mich auf nichts anderes konzentrieren konnte. Der Vermieter kam nicht. Gegen 12 Uhr whatsappte er mir, es habe nicht geklappt, wir würden das Gespräch bald nachholen. Es dauerte dann fünf oder sechs Wochen, bis wir das Gespräch endlich führten. In dieser langen Zeitspannte hat sich sehr vieles in mir komplett verändert. Auch am Dienstag öffnete ich die Hütte nicht, weil ich immer noch mit meinem Schock beschäftigt war, aber am Mittwoch ging es dann schon wieder.

Es war aber irgendwie kaputt.
Ich stand des Morgens in der Hütte, blickte hinaus in die milde Dunkelheit und den friedlichen Bahnhof, fand es immer noch schön, aber es war kaputt. Da war eine Verdunklung. Wie soll ich es anders ausdrücken? Vorher hatte ich mich immer gut gefühlt am Bahnhof, mit dem Bahnhof und die ganze Unbill der Baustelle hatte mich auch nicht wirklich gestört. Es war, als hätte ich meinen inneren Frieden zumindest teilweise verloren. Der Vermieter hatte auch angemerkt, es sei etwas, das er in meinem Blog gelesen habe, weswegen er das Vertrauen in mich verloren hatte.

Diesen Blogbeitrag hier habe ich am 8. November 2017 angefangen. Danach bin ich verstummt und zwar bis heute. Heute ist der 7.2. 2018. Das sind drei Monate. Was ist da passiert? Was ist mit mir passiert? Ich werde es im nächsten Blog beschreiben, den ich schon morgen anfange, versprochen. Ich war wirklich aus der Bahn geworfen, aber ich finde meine Bahn jetzt wieder. Vor drei Tagen hat mir eine nette Frau geschrieben, die diesen Blog gelesen hat. Sie wollte wissen, was los ist. Außerdem hat mir Gitta auf die Sprünge geholfen. Ich wandelte wirklich in einem trüben Tal. Davon erzähle ich morgen und vor allem natürlich, was ich daraus gelernt habe, wie ich mich da wieder rauswirtschaften konnte und wie es nun weitergehen wird.